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re:publica 15 und Youtube: Von Kommerzhuren, Zuhältern und der MySpace-Gefahr

In einer ganzen Reihe von Veranstaltungen beschäftigte sich die re:publica in diesem Jahr auch mit Youtube. Diskutiert wurden die Probleme der Kommerzialisierung und die Reaktion der großen TV-Konzerne auf die Konkurrenz.

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Youtube auf der re:publica 2015: Von Kommerzhuren, Zuhälter und der MySpace-Gefahr

Youtuber LeFloid erzählt von seiner Professionalisierung.

(Bild: Marc Jaspers, Media Convention Berlin)

Wie passen Kommerzialisierung und Ehrlichkeit der Inhalte zusammen? Wie reagieren Fernsehsender auf die Flucht junger Zielgruppen, und ruht sich Youtube zu sehr auf seiner Position aus? Verschiedene Sessions auf der re:publica und der Schwesterkonferenz Media Convention Berlin beschäftigen sich mit Nöten, Debatten und Zukunftsaussichten im Youtube-Kosmos.

Marie Meimberg ist die Vorsitzende des Vereins 301+, der ein Gegengewicht zur Kommerzialisierung der Youtube-Networks bilden will. Auf der Podiumsdiskussion Sind Youtuber "wachstumsgeile Kommerzhuren"? beklagt Meimberg, dass die Schleichwerbe-Skandale der letzten Zeit Spuren in der Youtuber-Gemeinde hinterlassen haben: "Die Szene hat so eine Grunderwartung, dass sie als Zuschauer eh Schleichwerbung präsentiert bekommen." Sie setze sich mit ihrem Verein für klare Transparenz-Normen ein. Aktuell sei der Verein im Gespräch mit Anwälten, um eine Lösung zu entwickeln, beispielsweise mithilfe von Labels. "So ließe sich beispielsweise klar kennzeichnen: für den Beitrag wurde ein Flug bezahlt."

LeFloid ist ein weiteres Aushängeschild des Vereins 301+ und einer der erfolgreichsten deutschen Youtuber. In "Making money on Youtube" erzählt er von seiner eigenen Professionalisierung: Als er sich beim Youtube-Partnerprogramm beworben hatte, wurde er zuerst abgelehnt und bei einer erneuten Bewerbung schließlich angenommen. Den wirklichen Professionalisierungsschub habe es gegeben, als er anfing, regelmäßig zu veröffentlichen: "Das deutsche Gewohnheitstier honoriert es, wenn zu einer bestimmten Zeit etwas regelmäßig läuft." Mit seinem Hauptkanal LeFloid und seinem Nebenkanal Flipfloid, komme er auf eine 70-Stunden-Woche. Youtuben sei eben harte Arbeit. Zumindest auf seinem Hauptkanal tue er sich mit der Monetarisierung schwer. Und eh seien 90% der Anfragen, die an ihn herangetragen werden, "unfassbar dumm und plumb. Nach dem Motto: Halte dieses oder jenes Produkt doch mal 30 Sekunden in die Kamera."

TV-Sender umarmen die Youtuber-Community – Marcus Dimpfel von RTL (r.) und Ronald Horstmann von Studio71 (li.)

(Bild: Marc Jaspers, Media Convention Berlin)

In der ersten Podiumsdiskussion fragte ein Zuschauer, wieso man nur über "Huren" rede und nicht auch über "Zuhälter". Gemeint sind die Youtuber-Netzwerke. Auf der Session Mit YouTube arbeiten: Chancen und Grenzen für etablierte TV-Sender und Protagonisten sitzen zwei Repräsentanten von Netzwerken auf dem Podium: Ronald Horstmann ist Geschäftsführer von Studio 71, einer Tochter von ProsiebenSat1, Marcus Dimpfel ist Bereichsleiter Strategische Unternehmensentwicklung bei der Mediengruppe RTL. Die sei mittlerweile weltweit die viertgrößte Youtuber-Konzern, nach Akquisitionen wie etwa des größten europäischen Netzwerks Divimove.

Zwar seien die absoluten Fernsehnutzungs-Zeiten in der Bevölkerung ungebrochen hoch, junge Zielgruppen kehrten dem linearen Fernsehen aber immer mehr den Rücken, räumt der Studio71-Manager Horstmann ein. Dieser Trend werde in den nächsten Jahren sicher zunehmen. Das bedeute aber nicht das Ende seines Arbeitgebers. Man verdiene Geld mit Inhalten. Und das sei überall möglich, auf Youtube, anderen und eigenen Plattformen wie Myvideo: "Für uns ist immer kritisch, dass wir Content haben und vermarkten. Das ist die Kernkompetenz von Pro7Sat1, und das können wir gut."

Auch der RTL-Mann Dimpfel glaubt, dass gute Inhalte nicht-linear ebenso funktionieren können. Und er hofft auf eine Entspannung der Monopolsituation: "Es wird ein Nebeneinander an Plattformen für Shortform und Longform gehen. Hoffentlich mehrere für Shortform und nicht nur eine, die die Regeln dominiert und quasi im rechtsfreien Raum agieren kann."

Folgt man der Analyse des Beraters und Trainers Bertram Gugel ist das keine gänzlich unrealistische Vision, wie er auf dem Vortrag Flüchtige Macht? YouTube im Kreuzfeuer. Facebook und Co. greifen an darlegt. Hausgemachte Probleme, externe Faktoren und vor allem Facebook bedrohen demnach die Google-Tochter. Hausgemacht ist der Umgang mit der Community: "Vielleicht wird man bald sagen, Youtube war mal eine Community." Dass Youtube als Steigbügelhalter für Google+ herhalten musste, sei in der Community nicht gut angekommen. Zudem sei Youtube mittlerweile sehr träge und unflexibel geworden. Youtuber senden zu festen Sendezeiten, und überraschende Viralität gebe es kaum noch. Neue Wettbewerber machen Youtube in Nischen schmerzhafte Konkurrenz, etwa die Livestreaming-Plattform Twitch für Gamer. Und vor allem Facebook sei eine Gefahr, seitdem es möglich ist und von der Plattform honoriert wird, Videos ohne den Umweg direkt hochzuladen.

Die Google-Tochter müsse wieder innovativer werden und besser mit ihrer Community zusammenarbeiten, sonst droht Ungemach, glaubt Bertram Gugel: "Youtube steht an einer Gabelung. Entweder sie schaffen wieder das Momentum von 2013, als sie den Markt vorangetrieben haben. Oder sie enden wie Myspace."

[Update 8.5.2015 – 11:00 Uhr] Der Name von Bertram Gugel wurde zuerst falsch angegeben. Das wurde korrigiert. (mho)