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re:publica: ARD will Aktivismus nicht zum Grundprinzip von Journalismus machen

Ist Neutralität in den Nachrichten angesichts erhitzter Debatten in Online-Foren zum Relikt geworden? Jein, meinen ZDF-Moderatorin Dunja Hayali und ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke. Bei persönlichen Kommentaren im Netz bewege man sich auf einem schmalen Grat.

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re:publica: ARD will Aktivismus nicht zum Grundprinzip von Journalismus machen

(Bild: Gregor Fischer/re:publica, CC BY-SA 2.0 )

Macht es in der digitalen Medienwelt, in der sich Nachrichten, Kommentare, Bewertungen und Aktivismus in Blogs oder Beiträgen in sozialen Netzen oft vermischen, noch Sinn zu versuchen, "neutral" zu berichten? "Wir bemühen uns um Objektivität", erklärte Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, am Mittwoch zu diesem Thema auf der re:publica in Berlin. Das Wort "Professionalität" sei aber vielleicht der bessere Begriff. Ein Journalist verhalte sich in seinem Beruf nicht anders als etwa ein Architekt, der bei der FDP sei und trotzdem ein Haus genauso gut für ein SPD-Mitglied baue wie für einen anderen Liberalen.

"Wir sind nicht dafür da, die Themen großräumig zu umfahren, die uns nicht gefallen", führte Gniffke aus. Es gehe vielmehr darum, "den Diskurs, den es in der Gesellschaft gibt, abzubilden" und den Rohstoff für weitere gesellschaftliche Debatten zu liefern. Aktivismus habe in der Tagesschau nichts verloren; die ARD könne ihn auch "nicht zum Grundprinzip von Journalismus erklären". Andererseits sollten Nachrichtenmacher den Leuten auch nicht sagen, "was sie zu denken haben oder welche Meinung wir für richtig halten".

Über Journalismus im Netz diskutierten Silke Burmester, Kai Gniffke, Dunja Hayali und Georg Restle (v. l. n. r.).

(Bild: Achim Barczok / heise online)

Immer könnten aber auch die Tagesschau-Produzenten dieses Prinzip nicht einhalten, räumte der Fernsehmann ein. So habe sich bei seinem Team nach den ersten großen Erfolgen von Pegida und der AfD ein gewisser belehrender Unterton in die Berichterstattung eingeschlichen mit dem Tenor: "Ihr sollt die bitte doof finden." Inzwischen lasse man das "rechtspopulistische" als Beiwort zu der derzeit größten Oppositionspartei weg: "Wir müssen das nicht immer auf die Stulle schmieren." Es sei ja nicht die Aufgabe der Tagesschau, "die Menschen davon abzuhalten, AfD zu wählen".

Immer wichtiger wird es laut Gniffke aber, die eigenen Auswahlkriterien offenzulegen. Dazu gehöre in erster Linie, wie viele Menschen von einem Ereignis betroffen seien und wie folgenreich es zu werden drohe. Danach stehe die Frage, welche Bilder verfügbar seien und ob eine gewisse Nähe zu den Zuschauern gegeben sei. Er erwarte auch nicht, dass alle Mitarbeiter "politische Eunuchen sind". Das Erste mache auch einen "Kulturwandel" im Online-Bereich durch und freue sich mittlerweile, wenn ihre Journalisten "in sozialen Medien aktiv sind". Sie müssten dabei nur bedenken, dass sie auch dort ein Stück weit "als ARD wahrgenommen" würden und die Zuschauer ihre Unparteilichkeit in Frage stellen könnten. Die einzige Restriktion für Kommentare im Netz laute aber: "Haue keine Kollegen in die Pfanne."

"Ich bin theoretisch in sozialen Medien vogelfrei, aber nicht ganz privat", schilderte die "Morgenmagazin"-Moderatorin Dunja Hayali ihr Online-Verhalten ganz ähnlich. Sie sei sich bewusst, dass sie auch im Netz "immer mit dem ZDF-Logo im Hintergrund" auftrete. Trotzdem nutze sie etwa ihre Facebook-Seite bewusst, um sich einzumischen und für Grundwerte wie Vielfalt und Toleranz sowie gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus einzusetzen. Nur tagesaktuelle Parteipolitik lasse sie möglichst außen vor.

Ihr Selbstverständnis als Journalistin habe sich damit aber nicht groß verändert, meinte die streitbare TV-Größe. Im "Morgenmagazin" etwa versuche sie nach wie vor, auf Basis des erlernten Handwerks neutral zu sein und "emotionale Fakten zurückzunehmen". Natürlich werde auch dort selektiert, da "wir nicht alles abbilden können". Sie halte aber gar nichts davon, mediale Kampagnen zu fahren und "Empörung über Schlagzeilen" zu generieren. In Formaten wie "Monitor", "Panorama" oder "Frontal 21" hätten Bewertungen und Kommentare dagegen ihren Platz. Von diesen erwarte der Zuschauer geradezu eine Einordnung, an der er sich gegebenenfalls wieder reiben können.

Zugleich ist sich Hayali bewusst, dass die im Netz gezeigte Haltung abstrahle. "Das kann zum Problem werden", erklärte sie. "Das ist ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich bewegt." Sie sehe die Diskussion über "Lügenpresse", "System-Nutten" und von oben "gesteuerte" Medienmacher aber insgesamt als Chance um zu erklären, "was wir gut oder noch nicht so gut machen". Die Zuschauer müssten den Pressevertretern zudem auch mal die Zeit geben, um gute Arbeit abzuliefern.

Journalisten sollten "nicht so tun, als ob in der Auswahl der Nachrichten nicht auch ein Stück Agenda unter dem Kriterium der Relevanz steckt", ergänzte Georg Restle von "Monitor". In dieser Sendung gehe es etwa darum, über bestimmte Dinge wie den Syrienkrieg mit dem Duktus zu berichten, dass sie sonst in den Medien oft gar nicht groß vorkämen. Die Redaktion habe auch mit einer Art Kreuzverhör nach der Ausstrahlung experimentiert, um direkt mit Zuschauern zu diskutieren und die Standards der Nachrichtenproduktion verständlicher zu machen. Die Reichweiten seien aber minimal gewesen.

Dem objektiven Journalismus im strengen Sinn erteilte die unter anderem bis vergangenes Jahr für die "taz" als "Kriegsreporterin" tätige Silke Burmester. "Wir bringen uns und unsere Sicht immer mit", unterstrich die freie Journalistin. Sie persönlich sei durchaus "auch aktivistisch tätig", also "für dies oder jenes". Die Gründe für ihre Haltung erläutere sie dabei aber jeweils. Die Trennung zwischen subjektiver Meinung und objektivem Anspruch verrutsche im Internet am stärksten. Viele Sender machten dort gar nicht klar, für wen sie sprechen. Am unerfreulichsten seien aber "Leute, die ins Netz gehen, um Einzelpersonen oder Institutionen gezielt fertigzumachen". (Stefan Krempl) / (olb)

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