re:publica: Dezentralisierung vs. Zentralisierung im Internet

Insgesamt sei fraglich, ob mit den heutigen Nationalstaaten überhaupt ein freies und offenes Internet möglich sei, meinte Smari McCarthy. Zweifel kamen auf, ob das dezentral organisierte soziale Netzwerk Diaspora noch eine Chance hat.

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Am zweiten Tag der Bloggerkonferenz re:publica widmeten sich gleich mehrere Experten der Frage, ob zentrale Infrastrukturen ein wünschenswerter Zustand sind. Der irisch-isländische Aktivist Smari McCarthy, der einen Vortrag über die "Industrialisierung des Internets" hielt, zeichnete Vergleichslinien des Industrialisierungsprozesses zu den Entwicklungen im Internet. So wie die Industrialisierung durch Effizienzsteigerungen zu einer Zentralisierung und Verstädterung geführt habe, so seien ähnliche Zentralisierungseffekte im Netz zu beobachten.

Inzwischen seien unsere Aktivitäten jedoch globalisiert, "jedermann zielt auf jeden ab", so wie zum Beispiel Unternehmen. Die Umwälzungen der Digitalisierung seien mit denen der Industrialisierung vergleichbar. Und eine besondere Gefahr sei die für den Einzelnen nicht kontrollierbare Zentralisierung: "Cloud Computing ist nicht zwangsläufig böse, aber wie wird es genutzt und wer übt dort Kontrolle aus?" Wer zum Beispiel Facebook kontrolliere, habe die Kontrolle über Teile des realen Lebens von 7 Prozent der Weltbevölkerung. McCarthy stellte fest, dass die Zentralisierungstendenzen potenziell bedrohlich sind – zum Beispiel müssten Regime nur noch einen einzelnen Punkt angreifen. Insgesamt sei fraglich, ob mit den heutigen Nationalstaaten überhaupt ein freies und offenes Internet möglich sei. "Auch mit der Industrialisierung sind neue Regierungsformen entstanden", betonte McCarthy.

Sehr viel weniger politisch als pragmatisch widmete sich Maxwell Salzberg von Diaspora dem Thema. Das dezentral organisierte soziale Netzwerk, das mit einiger Spannung im vergangenen Jahr startete, werde in den nächsten Monaten große Schritte nach vorn machen, kündigte er an. Besucher seines Vortrages äußerte sich nach dem Vortrag skeptisch: Diaspora komme einfach nicht voran. Diaspora war ursprünglich mit viel Spannung erwartet worden. Doch Maxwell Salzberg und seine Kollegen konnten bis heute keine mit weitergehenden Funktionen ausgestattete Version fertigstellen. Auf die Frage, wie Diaspora denn überhaupt noch erfolgreich werden könne, antwortete Salzberg, dass man versuchen werde, vor allem für kleinere Communities die technische Basis von Diaspora interessant zu machen. (jk)