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re:publica: Die digitale Gesellschaft als Gegenöffentlichkeit

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Rund 900 Blogger und andere Netzbewohner haben auf der Konferenz re:publica in Berlin unter dem Motto "Die Kritische Masse" die Rolle der digitalen Gesellschaft als Gegenöffentlichkeit diskutiert. Die Aufgabe der Blogosphäre als Gegengewicht zu traditionellen Medien versuchte eine Diskussionsrunde mit dem Titel "Die Qualitätsdebatte: Blogs vs. Journalismus?" zu klären. Das eigentlich vorgesehene Streitgespräch zwischen alten und neuen Medien fand nicht statt, man habe keine Vertreter der klassischen Medien für das Panel gewinnen können, erklärte re:publica-Mitorganisator Johnny Haeusler, der die Diskussion moderierte.

Thomas Knüwer, Print-Redakteur und Blogger beim Handelsblatt, vermutet, Journalisten hätten häufig ein Problem mit Kritik. Der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier forderte von den Medien einen offeneren Umgang mit Kritik ihrer Leser und aus der Blogosphäre. Als konkretes Beispiel nannte er einen Artikel auf tagesspiegel.de, bei dem man einem Hinweis aus der Blogosphäre auf fehlerhafte Statistiken nicht ausreichend nachgekommen sei. Mercedes Bunz, Chefin der Online-Redaktion des Tagesspiegels, wies die Vorwürfe zurück. Man habe auf die Kommentare der Leser reagiert und im Text die Quelle der Kennzahlen beigefügt. Damit sei die Sache aus ihrer Sicht "journalistisch korrekt".

Weit hitziger als auf der re:publica wurde vor der Konferenz in der Blogosphäre über die Qualität von Blogs und ihr Stand gegenüber traditionellen Medien diskutiert. Auf ihren Weblogs hatten Thomas Knüwer und Stefan Niggemeier das fehlende Interesse der klassischen Medien für die Podiumsdiskussion beklagt und mit ihren Lesern darüber diskutiert. Der Blogger Don Alphonso, der nicht an der re:publica teilnahm, hatte den Panel-Teilnehmern auf seinem Weblog Kommerzialisierung und mangelnde journalistische Qualität vorgeworfen.

Einen Blick auf die kulturelle Entwicklung der "kritischen Masse" im Internet warfen Chaosradio-Moderator Tim Pritlove und der Schriftsteller Peter Glaser. In einem Live-Podcast vor dem Konferenz-Publikum beschrieb Glaser den Weg vom kleinen Kreis der Hacker in den 80er-Jahren hin zum Massenphänomen Blogosphäre. Damals habe das Hacken dem Versuch entsprochen, an einer neuen Öffentlichkeit teilzunehmen, die einer akademischen Community vorbehalten war. Heute habe jeder im Netz die Möglichkeit, seine Stimme zu erheben und an Öffentlichkeit teilzunehmen.

Für ihn als Schriftsteller mit Hang zur Technik sei es in den Pioniertagen des Internets eine Utopie gewesen, der "Nachrichtenagentur-Realität der Tagesschau" im Internet eine eigene, subjektive Realität entgegenzustellen. Heute seien in der Blogosphäre bis zu 80 Millionen eigener kleiner Universen entstanden. Die Frage, wie sich die kritischen Masse zu einer Gegenöffentlichkeit emanzipieren könnte, konnte Glaser allerdings nicht beantworten. Man befinde sich immer noch in der Lern-, Spiel- und Experimentierphase.

Markus Beckedahl, Mitorganisator der Konferenz und Autor auf netzpolitik.org, forderte in einem Thesenpapier eine zeitgemäßere Netzpolitik und rief dazu auf, "mehr Demokratie zu wagen". Die digitale Infrastruktur des Staats müsse frei, offen, nachhaltig und demokratisch kontrollierbar sein. Als Beispiel nannte Beckedahl den Einsatz von Open-Source-Software in staatlichen Institutionen. Freie Software sei ein Wirtschaftsfaktor und müsse als solcher von der Politik gefördert werden: "Im globalen Vergleich haben wir die meisten freien Softwareentwickler in Deutschland, aber wir machen nichts daraus."

Dass hierzulande ein Defizit bei Netzpolitik herrsche, führte Beckedahl unter anderem auf die fehlende Medienkompetenz der Politiker zurück. Nur wenn politische Entscheidungsträger mit den neuen Medien umgehen könnten, "würden wir vielleicht eine zeitgemäße Gesetzgebung für die digitale Gesellschaft bekommen". An die Teilnehmer der Konferenz appellierte er: "Mischt euch ein."

Zur re:publica 2008 siehe auch:

(Achim Barczok) / (Achim Barczok) / (anw)

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