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re:publica: Gegen identitäre Verklumpungen und kollektive Rituale

Carolin Emcke reflektierte auf der re:publica über den Zustand eines Netzes, dem behutsames Denken und geduldiges Zuhören oft fremd sind. Auf ihre Eröffnungsrede folgten Beiträge von Kirchenvertretern.

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Friedenspreisträgerin Carolin Emcke spricht zur Eröffnung der re:publica 2017.

(Bild: heise online/Borchers)

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Wenn Sascha Lobo der Leithammel der Netzgemeinde ist, dann ist Carolin Emcke ihre Hohepriesterin. Zur Eröffnung der re:publica am Montag in Berlin hat sich die Friedenspreisträgerin wortmächtig Gedanken über das Motto "Love out Loud" gemacht. Sie warnte das Publikum, nur sich selbst zu sehen, sonst bliebe nichts als ein "neolibertäres Spektakel".

"Liebe" sei wie die Luft viel zu fragil, um Forderungen einer gebotenen politischen Dringlichkeit zu entsprechen, erklärte Emcke in ihrer langen, vom Blatt abgelesenen Rede ohne jede Powerpoint-Hirnkrücke. Liebe lasse sich nicht beschließen, wie es der Imperativ im Motto "Love out Loud!" anscheinend ausdrückt. Emcke sprach von den Verletzungen, die queere Communities mit eigenen Konzepten der Liebe in der Gesellschaft erdulden müssten, auch nach der Aufhebung aller Verbote und Strafen. Schlimm wiederum sei es, wenn auch dort Stereotypen und Verklumpungen angesagt sind: "Ich bin nicht queer, um damit in einer nur anderen Schablone zu stecken."

Emcke schloss mit der Ermutigung, nicht klein beizugeben, nur weil andere lauter sind und Hass verbreiten, zu dem es kein Gegenhass geben dürfe. Dabei gelte es, die eigenen Maßstäbe nicht zu verlieren. "Das Abfackeln von Autos oder Büros ist nicht politisch, nur weil die Autos und Büros von menschenverachtenden Leuten genutzt werden". Auch der Versuch, etwa über Änderungen der Geschäftsordnung eine Alterspräsidentschaft eines AfD-Abgeordneten zu verhindern, sei als Umbiegung demokratischer Prinzipien abzulehnen. So lasse sich Redefreiheit nicht durch Redeverbote schützen. Den Zuhörern machte Emcke schließlich mit Antonio Gramsci Mut: "Hegemoniale Positionen kann man sich erarbeiten, indem man sich vernetzt und verbindet."

Andreas Büsch und Johanna Haberer auf der re:publica 2017.

(Bild: heise online/Borchers)

Mit Glaubensfragen haben sich auch andere Vortragende an diesem ersten re:publica-Tag beschäftigt: Wie können die 10 Gebote für die digitale Welt aussehen? Für die evangelische Kirche verglich Digital-Theologin Johanna Haberer den digitalen Wandel mit der Reformation durch Martin Luther vor 500 Jahren. Was damals Buchdruck und Flugblätter waren, seien heute Netz und die sozialen Medien. Was damals die katholische Kirche über die Beichte von den Menschen wusste, weiß heute Facebook von seinen Nutzern.

Nötig sei es, den autonomen Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung in den Mittelpunkt des modernen Glaubens zu stellen und sich gegen eine "kontaminierte Kommunikation" im Netz auszusprechen, sagte Haberer. Sonst werde es im Netz nur den "Nationalen-Sicherheits-Überwachungs-Gott" geben, zitierte Haberer den Wikileaks-Chef Julian Assange, der mit diesem Ausdruck die US-amerikanische NSA belegte.

Andreas Büsch stellte das von ihm mitverfasste Internet-Papier der katholischen Deutschen Bischofskonferenz vor. Als Abbild Gottes dürfe der Mensch niemals Objekt eines Systems sein, sonder müsse als Subjekt behandelt werden, heißt es in dem "Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit" überschriebenen Papier. Teilhabegerechtigkeit definierte Büsch als ein Mehr an Partizipation mit barrierefreien öffentlichen Zugängen, neuen Beteiligungsformen und erweiterten Bildungschancen.

Büsch, der Professor an der katholischen Hochschule Mainz ist, wies auf die zentrale und sensible Rolle des Datenschutzes für die seelsorgerische Arbeit in der Kirche hin. Das erste Bestimmungspapier zum Internet sei erst der Anfang, betonte Büsch. Weitere Themen, zu denen sich die katholische Kirche äußern müsse, seien Open Education, Open Government, Breitbandausbau, Geheimdienste im Netz und Abkommen wie TTIP. (vbr)