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re:publica: Nur nicht pessimistisch werden, Netizen!

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Rund 2500 Besucher tummeln sich auf der vierten Re:publica, die Mehrzahl von ihnen Blogger und Internet-Aktivisten. Was als kleine Konferenz in der Kalkscheune begann, die Chancen engagierter Netzpolitik auszuloten, ist mittlerweile eine große Veranstaltung mit einer Stimmung wie auf einem Klassentreffen geworden. Man sieht und beäugt IRL die Menschen, die als Blogger, Kommentargäste, als Follower oder Tweeter digitale Nachbarn sind. Im Vergleich zu den Anfängen im Jahre 2007 ist der Optimismus der Teilnehmer wie der Referenten verhalten. Passend zur Konferenz veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein multimediales, kritisches Portrait der deutschen Blogger-Szene, die selbstreferenziell geworden sei und kaum noch jüngere Menschen anziehe. Die tummelten sich lieber in sozialen Netzwerken wie Facebook und hätten wenig für Netzpolitik übrig.

Den Anfang im Vortragsreigen machte der Schriftsteller Peter Glaser mit einem sehr unaufgeregten Vortrag über die digitale Faszination, die das Leben auf dem achten Kontinent (Digitalien) mit sich bringt. Er versuchte, mit historischen Beispielen den Fortschritt zu illustrieren, den das Netz und seine Bewohner in die moderne Gesellschaft gebracht haben. In einem Land wie den USA, in dem sich Millionen bis heute keine Krankheitsvorsorge leisten können, zeigte eine akute Notsituation den Google-Gründern die Bedeutung ihres Vorhabens. Ein Leben konnte gerettet werden, weil via Google das richtige Verhalten im Notfall gefunden werden konnte. Glaser wies darauf hin, dass erst 19 Prozent der Menschheit vernetzt ist. Es müsse darum gehen, die restlichen 81 Prozent zu erreichen und zu ermutigen, ihre "Stimme" zu erheben. "Journalismus ist die zivilisierteste Form von Widerstand. Jeder kann neue Worte formulieren, die Sprache gehört allen und kostet nichts", übte sich Glaser in Optimismus.

Die kalte Dusche zum warmherzigen Auftakt lieferte der Politikwissenschaftler Evgeny Morozov. Morozov, der den Verfall der sowjetischen Hegemonie in Weißrussland als Aktivist miterlebt hat, beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Diktaturen das Netz nutzen können, indem sie aus dem Internet ein Spinternet machen, dass die offiziellen Verdrehungen (Spin) propagiert. Er wies auf die Tatsache hin, dass gerade moderne autoritäre Regierungen wie Singapur relativ unabhängige Medien erlauben, so lange diese nicht direkte Kritik am Regime üben. In diesen Ländern sei ein regierungsamtlich gesteuerter digitaler Aktivismus denkbar, den Morozov als "Crowdsourcing, Dictator's Cut" brandmarkte. Harsche Kritik übte der Wissenschaftler an Theorien, die von der Digitalisierung selbst schon Demokratisierung erwarten: "Das Verändern der Verhältnisse, die Durchführung einer Revolution ist NICHT mit dem Verbessern eines Eintrags auf Wikipedia vergleichbar. Wer von den kostengünstigen Informationsmitteln schwärmt, muss bedenken dass sie auch für Gegenrevolutionären kostengünstig sind." Für die meisten autoritären Staaten der Welt sei die Vernetzung und Digitalisierung eine Chance. Die Herrscherkasten können so simulieren, dass sie auf das Volk hören, während sie via Facebook das Volk belauschen.

Auf den nachdenklichen Vortrag folgte eine ur-amerikanische, sehr optimistische, aber auch sehr oberflächliche Datenschutz-Präsentation des bekannten Bloggers und Buchautors Jeff Jarvis. Dieser hatte anlässlich der Digital Life Design des Burda-Verlages in München erstmals eine gemischte Sauna betreten und diesen Kulturschock in einem Blogbeitrag verarbeitet, der ebenso ungeniert seinen Prostata-Krebs erwähnt. Aus diesem Erlebnis heraus entwickelte Jarvis einen Vortrag über das "Deutsche Paradoxon", Privatsphäre zu fordern, aber gleichzeitig eine öffentlich Debatte darüber zu führen wie lang Schwänze sein dürfen. Jarvis plädierte dafür, die vollkommene Datentransparenz als gesellschaftliche Norm zu definieren. So sei gewährleistet, dass kein Staat oder Geheimdienst Kontrolle über die Daten bekomme. Zum Abschluss seines Vortrages präsentierte Jarvis die erste deutsche Übersetzung seiner Bill of Rights in Cyberspace: "Alle Bits sind gleich geschaffen" – das brachte ihm donnernden Applaus ein. In der anschließenden Diskussion warnte Jarvis vor der typischen deutschen Miesmacherei und ermutigte die Anwesenden, mehr Optimismus zu wagen. (jk)

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