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re:publica: Vom Kalklagern zum Sprengen

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Früher wurde in einer Kalkscheune der gebrannte Kalk verwahrt, bis er zu Mörtel für die Maurer verarbeitet wurde. Auf ihre Weise versucht sich die dreitägige Konferenz re:publica in der Berliner Kalkscheune an einer ähnlichen Aufgabe: den Stoff zu präsentieren, der Blogger sowie Netizen verbindet und das Netz ein bisschen wohnlicher macht. Während die Blogger auf der re:publica an einem offenbar überflüssigen Ethik-Codex feilten und sich am Cash from Chaos berauschten, diskutierten Netizen parallel dazu den Protest gegen die Vorratsdatenspeicherung. Ein Vorschlag, kollektiv das Cash-Panel der Geldsucher zu sprengen, wurde nicht realisiert, weil die Diskussion darüber länger brauchte als das Panel im Hauptsaal.

Das Web 2.0 ist in den Unternehmen angekommen. Zumindest bei IBM, wie Peter Schütt von der IBM Software Group berichtete. Mit 700 themenbezogenen Communities, 27.300 Bloggern und 420 Gruppenblogs sei IBM auf gutem Wege, die interne Firmenkommunikation im Sinne der Schwarmintelligenz zu beschleunigen. Im "Think Place" herrscht Schütt zufolge ein "kontrolliertes Chaos". So setzten Blogger 185.000 Bookmarks, damit andere IBM-Mitarbeiter schneller Informationen finden können. Aus den Blogs seien 6000 Vorschläge für Projekte und Produkte gekommen, von denen 430 realisiert wurden. Das Fazit: IBM lebt im Web 2.0, nur nicht überall. In Deutschland laufe es nicht besonders gut mit den "Dream Teams", die in offener Diskussion für IBM "Islands of Knowlegde" erobern. "Deutsche wollen in den Wikis ihre Kollegen nicht brüskieren", erklärte Schütt den Missstand.

Als eine etwas unverbindliche Plauderei erwies sich dagegen die Diskussion über Open-Source-Strategien, die mit ihrer Offenheit die Geschäftswelt verändern sollen. Sowohl Bernhard Reiter von der Free Software Foundation Europe wie Elmar Geese vom deutschen Linux Verband mit 200 Mitgliedsfirmen betonten, wie Open Source für Kunden Einsparungen bringt und für Softwarefirmen die Chance, dokumentierte Qualität zu liefern. Anstelle der Diskussion nachhaltiger Geschäftsmodelle beschäftigte sich das Panel mit dem Verhalten von Netscape, das vor 10 Jahren seinen Brower als Open Source deklarierte und verglich die Arbeit von Programmierern mit der von Journalisten.

Mehr zur Sache ging es im Workshop über die Vorratsdatenspeicherung. Hier wurde kräftig für die Demonstration in Frankfurt/M geworben, die darauf aufmerksam machen soll, dass am 18. April die Vorratsdatenspeicherung vom Bundeskabinett verabschiedet wird – auch eine Fundraisung-Aktion zur Unterstützung des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung wurde gestartet. Kritisch wurde in dieser Hinsicht die Blogosphäre beurteilt. So erklärte Constanze Kurz vom CCC: "Die Aktivierung der Blogosphäre hilft nicht wirklich viel. Das Thema muss in die Massenmedien. Erwähnen es die Medien, wird auch drüber gebloggt." Diskutiert wurden verschiedene Vorschläge, die Opposition gegen die umfassende Datenspeicherung fortzuführen, vom Protest-Tagging mit dem Label "Stasi 2.0" über die Verdunkelung von Websites bis zur Dokumentation der Haltung einzelner Problempolitiker.

Schließlich gab es den Vorschlag, in die parallel laufende Diskussion ums große Geld zu gehen, die vom Gros der Konferenzbesucher besucht wurde. Diese Sprengung hätte der sehr harmoniesüchtigen Veranstaltung einen Kontrapunkt gegeben, fand aber nicht statt. Stattdessen liefen in der anschließenden Diskussion über Politik 2.0 jede Menge Protest-SMS über die Kommentar-Leinwand, die sich gegen die Vorratsdatenspeicherung richteten. Die Diskussion über Politik 2.0 zeigte sich dagegen eher unpolitisch, weil sie sich auf die Parteipolitik konzentrierte. Den Einwand, dass dies etwas einseitig sei, konterte der Veranstalter Markus Beckedahl von Netzpolitik mit dem Argument, dass neben dem Druck über die Medien die politische Arbeit der einzige Weg für die Zivilgesellschaft sei, Veränderungen auf den Weg zu bringen. Zur Vorratsdatenspeicherung betonte Beckedahl, dass Aktionen wie das Anklicken und Unterschreiben von Protestresolutionen im Internet zwar ein gutes Gefühl hinterließen, politisch aber folgenlos seien.

Zur re:publica 07 siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)