re:publica: Vom Klimawandel-Leugner über die Querfront zum Corona-Verschwörer

In der Corona-Krise kursieren besonders viele Verschwörungstheorien und Falschmeldungen. Experten diskutierten Hintergründe und Gegenstrategien.

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(Bild: Morocko/Shutterstock.com)

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WhatsApp- und Telegram-Nutzer wissen Bescheid: Ibuprofen verschlimmert Covid-19, Knoblauch hält das Coronavirus auf Abstand, warmer Ingwertee tötet es ab. In der Krise blühen neben derlei weit geteilten "Fake News" zudem Verschwörungstheorien: Bill Gates steckt hinter SARS-CoV-2, das als Bio-Waffe in einem chinesischen Labor entwickelt wurde, die Erkrankung selbst wird von 5G-Strahlung verursacht.

Richtig eintauchen in die Szene der Verschwörungsideologen könne man auch auf den samstäglichen Kundgebungen gegen die Corona-Einschränkungen an der Volksbühne in Berlin, berichtete die Netzaktivistin Katharina Nocun am Donnerstag auf der ins digitale Exil geflüchteten re:publica. "Den Bonzen stinkt es schon lange, dass wir auf dieser Welt rumlaufen", bekomme man dort etwa zu hören, von Nazi- und Stasi-Methoden und dem drohenden Impfzwang sei dort die Rede.

Die Demonstranten als "besorgte Bürger" einzuschätzen, greift laut Nocun zu kurz. Wenn etwa zu hören sei, dass die BRD besetzt sei, verweise dies auf die Reichsbürgerszene. Ein Q-Zeichen signalisiere die Zugehörigkeit zur rechtsextremen Online-Gruppe QAnon, die wiederum eng mit der Querfront-Strategie verknüpft sei. Dazu komme ein Hauch neue Weltordnung alias NWO als antisemitische Verschwörungserzählung. Der Topos der Gedankenkontrolle sei typisch für "esoterische Gruppen, die nach rechts offen sind".

Im Kern handle es sich bei vielen auf solchen Aufläufen aktiven Personen und sich ähnlich äußernden rechtsextremen YouTubern und Ideologen um dieselbe Klientel wie bei den Klimawandel-Leugnern, meint die Bloggerin. In Remix-Tradition hätten diese an Corona angedockt. Aus der NWO werde dabei ein "globaler Putsch der Elite", der durch den strikten Lockdown alles verändere. Aus rassistischen Erzählungen würden chinesische Bio-Waffen, da alles Böse aus der Fremde komme. So werde die Pandemie "zum Teil einer umfassenden Verschwörung, eines Mythos gemacht".

Dahinter stehen Nocun zufolge keine Theorien, da Verschwörungsideologen wissenschaftliche Methoden entschieden ablehnten. Es handle sich vielmehr um den Glauben, dass als mächtig wahrgenommene Gruppen oder Individuen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussten, um der Bevölkerung gezielt zu schaden, diese aber über die eigenen Ziele im Dunkeln zu lassen. Daraus leite sich etwa der Wahn ab, dass Politik und Medien alle unter einer Decke steckten.

Ein wichtiges Narrativ sei: "Wir gegen den Rest der Welt, andere sind Mitläufer der Bösen", führte die Autorin des Buchs "Fake Facts" aus. Daraus speise sich ein "immenses Gruppengefühl". Dazu trete oft der "Teflon-Effekt" ein, wonach gerade über die "Systempresse" verbreitete Faktenchecks falsch sein müssten. Hinzu komme der Gedanke, man könne innerhalb eines demokratischen Systems nichts bewegen, der bereits mit als "Radikalisierungsbeschleuniger" für viele rechtsextreme Attentäter gedient habe.

Verschwörungserzählungen entsprängen dem Gefühl, "machtlos einer Situation ausgeliefert zu sein", und stellten eine "Kompensation von Kontrollverlust" dar, ergänzte Nocuns Ko-Autorin Pia Lamberty. Viele Anhänger solcher Ideologien hätten auch ein starkes Bedürfnis, einzigartig zu sein. Sie glaubten, "große Ereignisse müssen große Ursachen haben", weiß die Psychologin. Ein "böser Verschwörer" stecke also dahinter. Derzeit sie diese Geisteshaltung besonders gefährlich, da die Betroffenen weniger Maßnahmen folgten, die die Pandemie eindämmen könnten. Der Irrglaube wirke sich so direkt auch auf die Gesundheitsvorsorge aus.