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re:publica: Zukunft der Arbeit braucht neue Vernetzung

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Während die einen über Familientauglichkeit und dem Arbeitgeber als Fürsorger für das Privatleben ihrer Mitarbeiter nachdenken, entwickelt sich die Arbeitswelt auch dank des technischen Fortschritts in die gegenteilige Richtung: Isolierte Arbeiter ohne Rechte werden mit Mindestlöhnen abgespeist. Auf der Berliner Konferenz re:publica wurden die Probleme des neuen Arbeitens angerissen.

"Wir sehen heute mehr Thatcherismus als noch in den 80er Jahren", sagte Joel Dullroy, Mitgründer des Verbandes der Gründer und Selbständigen (VGSD) in Berlin. Statt die Bevölkerung als Ganzes zu betrachten habe die neoliberale Ideologie immer mehr auf die Vereinzelung des Menschen gesetzt. Folge sei ein immer höherer Anteil der Beschäftigten, die nicht in gesetzlich geschützten Angestelltenverhältnissen arbeiteten, sondern freiberuflich ihre Arbeitskraft anbieten müssen. Folge: Arbeitgeber versuchen die Arbeitskräfte gegeneinander auszuspielen, die im Konkurrenzwettbewerb jeder gegen jeden unzumutbare Arbeitsbedingungen wie unbezahlte Praktika mitmachen.

Doch nun gebe es erste Ansätze, die Freiberufler wieder zu vereinen, um solche Auswüchse zurückzudrängen. So zähle die Freelancers Union, die 2003 in New York gegründet wurde, derzeit über 200.000 Mitglieder. Dabei handelt es sich aber nicht um eine traditionelle Gewerkschaft: Der Verband bietet seinen Mitgliedern Serviceleistungen wie eine Krankenversicherung. Während sich Gewerkschaften bemühen, im Bereich der Digitalarbeit bedeutender zu werden, hängt der Organisationsgrad der Entwicklung jedoch sehr hinterher. So schätzt die Freelancers Union, dass mittlerweile ein Drittel der Beschäftigten zumindest teilweise frei beschäftigt ist. Tendenz steigend. Auch in Europa steigt der Anteil der Arbeitnehmer außerhalb der klassischen Arbeitsverträge.

Freie Beschäftigung kann die Selbstbestimmung erhöhen, aber auch genutzt werden, um Rechte der Arbeitnehmer zu unterlaufen. R. Trebor Schulz, Professor an der New Yorker Universität The New School prangerte in seinem Vortrag Geschäftsmodelle an, die den Arbeitern zwar scheinbare Autonomie geben, sie aber in ruinöse wirtschaftliche Konkurrenz bringen. So kritisierte er das Programm "Mechanical turk" von Amazon, das seit mittlerweile sieben Jahren "Human Intelligence Tasks" auf seiner Plattform an 500.000 Teilnehmer vermittelt. Die Aufgaben reichen dabei von der Bewertung von Bildern nach Jugendschutzaspekten bis zur Transkription von Podcasts – Aufgaben, die von Automaten noch nicht perfekt erledigt werden können.

Schulz kritisierte, dass sich Amazon als Betreiber der Plattform gänzlich der Verantwortung für die Arbeiter entziehe: "Sie nennen sie nicht Arbeitnehmer, weil Arbeitnehmer Rechte haben". Stattdessen unterlaufe die Plattform sämtliche Standards zum Arbeitsschutz, die in den vergangenen 100 Jahren erkämpft worden seien – vom Acht-Stunden-Tag bis hin zum Verbot der Kinderarbeit. Dabei könnten die Klickarbeiter mit den oft monotonen Aufgaben nur Mindestbeiträge verdienen. Gleichzeitig ermutige Amazon die Auftraggeber, von der Arbeit der Arbeitsanbieter zu profitieren, ohne sie zu bezahlen. Auch Geschäftsmodelle wie das von 99Designs seien für die Arbeiter ruinös: Hier erhält ein Auftraggeber für einen Preis von wenigen Hundert Euro im Schnitt 126 Designvorschläge. Bezahlt wird aber nur der Ersteller des Gewinner-Entwurfs. "Das bedeutet, alle anderen Designer haben umsonst gearbeitet."

Möglich sei dies durch die Isolation der Arbeitnehmer. Wer seine Leistung auf solchen Plattformen anbiete, bleibe im Gegensatz zu Lagerarbeitern bei Amazon in Deutschland oder Textilarbeitern in Asien unsichtbar: Sie haben keine Beziehung zu ihren Arbeitgebern, sie wissen nichts von ihren Kollegen und können sich daher auch nicht über die Arbeitsbedingungen austauschen. Dabei machten sich die Arbeitnehmer oft keine Illusionen, dass sie ausgebeutet werden: "Die Verzweiflung sorgt dafür, dass sie sich auf solche Bedingungen einlassen." Auch das Geschäftsmodell der Huffington Post, das auf die kostenlose Arbeit Tausender Blogger gründete und dann für 315 Millionen US-Dollar an AOL verkauft wurde bezeichnete Schulz als sehr unethisch.

Immerhin gibt es erste Ansätze der Selbstorganisation der Arbeitnehmer. So verwies Schulz auf das Browser-Plugin Turkopticon, das von Crowdworkern zum Erfahrungsaustausch eingesetzt wird. Ist einer der Auftraggeber dafür bekannt, die erteilten Arbeiten nicht oder nur schlecht zu bezahlen, können die Klickarbeiter diesen meiden. Solche Ansätze gehen Schulz nicht weit genug. Er plädiert dafür, Plattformanbieter wie Amazon oder 99designs in die Pflicht zu nehmen und sie den für die USA geltenden Arbeitsgesetzen wie zum Beispiel Mindestlöhnen zu unterwerfen: "Ob man online oder offline arbeitet ändert schließlich nichts daran, dass man Essen auf den Tisch bringen muss", sagte Schulz. (anw)