Do-It-With-Others

In keiner Stadt dürfen sie fehlen: Repair Cafés. Sie machen aus der wachsenden Do-it-yourself-Bewegung auch eine Do-it-with-others-Kultur. Wir sprachen mit Tom Hansing, Experte für Offene Werkstätten, über den Trend des gemeinsamen Reparierens.

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Von
  • Anja Humburg

Tom Hansing

(Bild: Anstiftung, Steffen Roth )

Make: Kaum jemand nimmt Zuhause einen Lötkolben zur Hand, aber in die Repair Cafés kommen Menschen allen Alters und aus allen Milieus in Scharen gelaufen. Wie erklären Sie sich das Phänomen?
Tom Hansing: Die Idee der Repair Cafés nimmt den Leuten die Scheu davor, an die Dinge ihres Alltags selbst Hand anzulegen. Laien und Profis öffnen gemeinsam die black box der elektrischen Alltagsgegenstände und sorgen dafür, dass die kaputten Geräte nicht länger im Schrank verstauben oder beim kleinsten Defekt in den Müll wandern. Die Atmosphäre bei den Veranstaltungen ist entspannt und kooperativ. Konkurrenzgefühle bleiben außen vor, was sehr einladend und ansteckend wirkt.

Make: Warum mangelt es in den Initiativen nicht an Experten?
Hansing: Insbesondere ältere Menschen haben jede Menge Praxiserfahrung und Know-How, aber vergleichsweise wenig Gelegenheit dazu, dieses Potential produktiv zu nutzen. Die „Unruheständler“ haben nicht nur was auf dem Kasten, sondern auch die Zeit, ihre Fähigkeiten ganz praktisch für den guten Zweck einzubringen. Besucher - oder besser: Teilnehmer*innen - wachsen auch selbst schnell in die Rolle des Reparaturhelfers hinein, wenn sie merken: „Moment, da kann ich doch auch was“. Zunehmend sind Reparaturhelfer auch in mehreren Initiativen aktiv, das heißt sie helfen an anderen Orten aus, wenn bestimmte Reparaturbereiche nicht besetzt werden können.

Make: Ein Reparateur macht noch kein Repair Café. Wie funktioniert das Zusammenspiel?
Hansing: Einfach gesagt: Nicht alle machen alles. Zu beobachten ist, dass sich verschiedene Rollen herauskristallisieren. Organisator*innen kümmern sich um die Rahmenbedingungen wie Raum, Spenden und die vielfältigen Kommunikationen nach innen und außen. Reparaturhelfer*innen bringen in erster Linie ihr Know-How, ihre Zeit bei den Veranstaltungen und ggf. auch ihre privaten Werkzeuge ein, aber kümmern sich sonst nicht weiter um die Initiative als Ganzes. Und jede Initiative hat die Helfer*innen, die überall da mit anpacken, wo es nötig ist: Kuchen backen, Kaffee ausschenken, Werbung machen, Auf- und Abbau und die vielen anderen kleineren und größeren Aufgaben. Eine wichtige Rolle übernehmen beispielsweise auch diejenigen Menschen, die den Besucher*innen die Prinzipien der Repair-Veranstaltung erklären, also den Empfang managen.

Make: Warum entdecken die Menschen ausgerechnet jetzt ihre Lust am Reparieren wieder?
Hansing: Reparieren ist in den Zyklen der Warenwelt kaum vorgesehen. Die Rolle des Konsumenten besteht darin, das zu kaufen, was als Bedürfnis deklariert wird, es zu nutzen, wie andere es vorgesehen haben und zu entsorgen, wenn Zeitgeist oder geplante Obsoleszenz es diktieren. Für viele ist dies ein großes Ärgernis, zumal immer deutlicher wird, dass die Verschwendung von Ressourcen und die massive Müllflut nicht alternativlose Notwendigkeiten der Moderne sind. Wer selber Hand anlegt und lernt, wie etwas geht, erlebt menschliche Schaffenskraft an und in sich. Selbermachen schafft Lebensqualität! Die Teilnehmer*innen eignen sich ganz praktische Fertigkeiten an und äußern mit ihrem Tun positive, produktive Systemkritik. Viele kommen als Besucher, um mal zu kucken und verlassen die Reparatur-Veranstaltung als informierte Bürger. Damit definieren sie ihre Rolle als Konsument ganz neu. Das ist Reskilling.

Make: Was meinen sie genau mit „Reskilling“? Welche Fähigkeiten erlernen Menschen in den Repair Cafés?
Hansing: Einerseits geht es um ganz praktisches Know-How, zum Beispiel das Öffnen von Gerätegehäusen, auch wenn Hersteller das nicht vorgesehen haben oder einfache Reparaturen selbst vorzunehmen, damit Dinge weiterhin nutzbar sind. Das ist gelebte Nachhaltigkeit durch Reparieren. Ein Sinn für Qualität entsteht außerdem durch die praktische Erfahrung und auch Wertschätzung. Andererseits geht es um die Fähigkeit, sich wieder in Bezug zu den Dingen setzen zu können. Nachhaltiger Leben bekommt dadurch ein ganz alltagspraktisches Gesicht. Reskilling bedeutet, Fähigkeiten gemeinsam wieder zu beleben, die unser konsumorientierter Lebensstil droht, überflüssig zu machen. Alltagsgegenstände selbst reparieren zu können ist so eine bedrohte Kulturtechnik.

Make: Sie erforschen und begleiten die Entwicklung der Repair Cafés in Deutschland. Welcher Trend zeichnet sich für die Zukunft ab?
Hansing: In absehbarer Zeit wird es in nahezu jedem Stadtteil solche Anlaufpunkte für neue, urbane Subsistenzpraktiken geben. Tauschen, Teilen, gemeinsam machen: Immer mehr Menschen beginnen, die eigenen Konsummuster und Wohlstands-vorstellungen zu hinterfragen. Es entsteht eine neue Kultur des Selbermachens, die mit einem sorgsameren Umgang mit Ressourcen und einem veränderten Begriff von Eigenmacht einhergeht. Das passiert in den Repair Cafés, in urbanen Gärten, in Offenen Werkstätten und vielen anderen Projekten und Initiativen. Sie alle sind Teil einer größeren gesellschaftlichen Bewegung, die sagt: Wir machen uns die Welt um uns herum wieder zu Eigen.

Make: Wird es in Zukunft wieder wichtig werden, Dinge des täglichen Gebrauchs selbst reparieren oder sogar herstellen zu können?
Hansing: Wer mehr selber macht, muss weniger kaufen. Wer weniger konsumiert, muss weniger Erwerbsarbeit leisten. Wer weniger Erwerbsarbeit leisten muss, hat mehr Zeit sich durch Selbermachen fortzubilden und seinen persönlichen Subsistenzradius zu erweitern. Damit in diesem groben Bild auch wirklich Energie steckt, müssen sich die Vorstellungen von Glück und Wohlstand natürlich weiter wandeln, das heißt Weniger das neue Mehr werden.

Tom Hansing ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung anstiftung aus München. Er berät u.a. offene Werkstätten und Reparatur-Initiativen. Selbst gründete er die offene Siebdruckwerkstatt SDW in Berlin-Neukölln mit und betreibt das kostenlose Lastenrad-Verleihportal velogistics.net.

  • Den Artikel "Reparaturkultur" lesen Sie in der Make-Ausgabe 5/15 ab Seite 98.

(hch)