FAQ: Wie funktioniert die dezentrale Twitter-Alternative Mastodon?

Nachdem Elon Musk Twitter übernommen hat, wechseln viele Leute zu Mastodon. Wie funktioniert die dezentrale Plattform? Was ist das Fediverse? Wir erklären es!

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(Bild: Screenshot Mastodon)

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  • Eva-Maria Weiß

Über dem zwitschernden Vogel hängen ziemlich düstere Wolken: Aus Sorge, Elon Musk könnte Twitter zu einem Ort voller Hassrede und Spam machen, wandern zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer ab. Mastodon bietet sich als Alternative an. Das namensgebende Mammut steht also im Sonnenschein. Die dezentrale Plattform gibt es schon seit Jahren, war bisher aber eher ein Nischentreffpunkt – noch nischiger als Twitter. Warum das gar nicht sein muss, erklären wir hier.

Was ist Mastodon?

Mastodon ist eine Plattform, auf der sich Menschen öffentlich austauschen können, ähnlich wie bei Twitter. Sie ist allerdings dezentral, also nicht von einem Anbieter bereitgestellt, und basiert auf offenen Protokollen. Tweets heißen dabei Tröts oder Toots. Nachrichten werden an einen offenen Personenkreis gerichtet, dieser kann antworten. Sie können Beiträge auch weiterleiten, diese Form des Retweetens nennt sich hier Boosten. Und Nachrichten lassen sich favorisieren. Als Inhalt können Sie neben Text auch Video, Bild und Audio veröffentlichen, Links können Sie ebenfalls posten.

Wie erreiche ich Mastodon?

Zugriff auf Mastodon bekommt man ganz einfach über den Browser, es gibt aber auch mehrere Clients für Desktop und mobile Betriebssysteme sowie Kommandozeilen-Tools.

Was hat es mit den Instanzen auf sich?

Mastodon ist im Fediverse angesiedelt, abgeleitet vom englischen Wort federated. Das bedeutet, es ist dezentral organisiert: Aktuell auf mehr als 3000 unabhängigen, miteinander kommunizierenden Servern, die Instanzen genannt werden. Deshalb müssen Nutzer ein eigenes Konto auf einer Instanz anlegen und brauchen, um mit jemandem auf einer anderen Instanz zu kommunizieren, die entsprechende Adresse – das funktioniert über ein weiteres @ im Namen. Man kann sich das ein wenig wie E-Mails vorstellen, bei denen braucht es ja auch die genaue Adresse, um jemanden zu erreichen.

Welches Protokoll wird genutzt?

Mastodon basiert auf dem W3C Standard ActivityPub. Auch das Content-Management-System Drupal läuft darauf, ebenso das soziale Netzwerk Pleroma. Mastodon ist mit allen Anwendungen, die ActivityPub nutzen, kompatibel.

Wie finde ich Leute und Inhalte bei Mastodon?

Es gibt bei Mastodon keine Vorschläge, die aufgrund des eigenen Verhaltens gemacht werden und auch keinen Algorithmus, der Interaktionen berechnet und die Reihenfolge im Newsfeed bestimmt. Beiträge von Schreibern, denen Sie folgen, werden chronologisch angezeigt. Grundsätzlich gibt es bei Mastodon keine Werbung. Es ist dadurch vielleicht etwas ungewohnt und auch umständlicher, spannende Inhalte zu finden. Gleichzeitig dürften sich viele aber auch freuen, nicht immer nur dieselben Hanseln und Anzeigen zu sehen, von denen Twitter glaubt, man bevorzuge sie.

Die Suche selbst versteckt sich hinter dem Hash oder auch der Raute. Dort können Sie ein Stichwort eintragen, es folgt die Auswahl, ob Sie eine Person, einen Hashtag oder einen Beitrag suchen möchten, der dieses Wort beinhaltet. Entsprechend wichtig ist es auch, eigene Toots mit passenden Hashtags zu versehen.

Kann ich meine Twitter-Follower mitnehmen?

Einfach mitnehmen geht natürlich nicht. Es gibt aber einen Crossposter, mit dem Sie beide Kanäle befüllen können, beliebt ist das allerdings nicht. Wenn Sie das machen, können Follower Sie dadurch natürlich auf der jeweils anderen Seite finden. Man kann über den Fedifinder oder Debirdify seine Kontakte aus dem Vogel-Universum auch wiederfinden. Vielleicht macht es aber auch Spaß, einfach mal neu anzufangen.

Kostet Mastodon Geld?

Nein, aber man kann spenden. Denn: Alle Server werden privat betrieben, beziehungsweise finanzieren sich durch Spenden. Verantwortlich für die Regeln sind deshalb auch immer die jeweiligen Server-Betreiber. Deshalb kann es sein, dass der Umgang mit etwa politischen Inhalten verschieden gehandhabt wird oder sogar festgelegt ist, dass Beiträge nur in einer bestimmten Sprache verfasst werden dürfen. Die Betreiber sind nämlich auch für die Einhaltung der Regeln und die Moderation zuständig. Diese kann aber auch ausbleiben oder zumindest sehr grob ausfallen.

Durch die vielen neuen Nutzer haben die Instanzenbetreiber einiges zu tun und zu wuppen – eine Spende mag sie bei Laune halten.

Kann ich Inhalte blockieren?

Ja. Sie können selbst Konten auswählen und diese stumm schalten. Es kommt sogar vor, dass Server-Betreiber ganze andere Instanzen kappen, wenn diese zu oft fragwürdige Inhalte durchgehen lassen. Um andere zu schützen, lassen sich eigene Beiträge auch mit einer Content-Warnung versehen. Das ist sogar recht üblich bei Mastodon und wird sehr niedrigschwellig eingesetzt.

Und welchen Server sollte ich nehmen?

Die meisten Server sind aufgelistet. Unter Explore finden Sie auch vor der Anmeldung heraus, wer da so postet. Alle Server durchzusuchen, ist freilich eine langwierige Angelegenheit. Mastodon.social und Mastodon.online sind wohl die größten Gruppen – und ächzen aktuell auch etwas unter dem Zustrom. Man kann sich aber auch ein bisschen mehr bemühen und etwas Passendes finden.

Kann ich den Server wechseln?

Das geht – sogar sehr einfach. Sie können Follower auf die neue Adresse aufmerksam machen. Wem Sie selbst folgen, können Sie als Liste exportieren und importieren. Beiträge lassen sich jedoch nur exportieren.

Wie steht es um meine Privatsphäre und den Datenschutz?

Grundsätzlich ist alles, was man bei Mastodon macht, eher öffentlich. Es gibt aber auch Direktnachrichten. Diese laufen über den ausgewählten Server, weshalb der Host dort auch mitlesen kann – sofern er das denn möchte. An einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wird gearbeitet, heißt es schon eine Weile.

Was gibt es noch im Fediverse?

Im Fediverse wird derselbe Standard benutzt, weshalb man auch über mehrere Dienste hinweg miteinander kommunizieren kann. Pixelfed ist beispielsweise die Instagram-Alternative des Fediverse. Dort können Bilder gepostet werden. Noch scheint hier aber alles eher schleppend anzulaufen. Das könnte auch daran liegen, dass die Möglichkeit, sich anzumelden, ziemlich versteckt ist. Leichter zu finden ist nur, einen neuen Account anzulegen. Peertube ist das Alternative Youtube, das aber auch eher noch auf seine glorreiche Stunde wartet.

Matrix wird als offener Standard für dezentralisierte Echtzeit-Kommunikation zum Teil im Fediverse genutzt. Hier wird aber auch die Ausnahme deutlich. Während zwar eigentlich alle Dienste miteinander kommunizieren können, kann Matrix auch als Basis für geschlossene Systeme genutzt werden. So setzt beispielsweise die Bundeswehr auf Matrix als Messenger, der sich dann BwMessenger nennt.

Was ist das Web0? Und was hat das mit dem Fediverse zu tun?

Das Web0 ist quasi der Gegenentwurf zum Web3. Während das Web3 dezentralisiert sein soll und auf der Blockchain-Technologie basiert, will das Web0 ausschließlich dezentral sein – ohne Blockchain, ohne NFTs, das Metaverse und wie es im Manifest heißt "den liberalen Silicon Valley Bullshit".

Update

Wir haben die FAQ um weitere Informationen und Fragen ergänzt, etwa zum Fediverse.

Wir haben korrigiert, dass nicht alle Server in der Liste aufgeführt sind, sondern nur die meisten. Und dass Crossposter nicht beliebt sind.

(emw)