Schlauchlose Motorradreifen flicken

Ein Loch in einem schlauchlosen Reifen flicken ist weder teuer noch schwierig. Dennoch scheuen viele Fahrer davor zurück. Wir klären auf.

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Von
  • Clemens Gleich

Wie passiert es überhaupt, dass sich augenscheinlich zielgerichtet diese Schraube oder dieser Nagel in mein Hinterrad bohrt? "Das war sicher Sabotage", denken viele Motorradfahrer, denen das zum ersten Mal passiert. Ist es jedoch praktisch nie. Es passiert üblicherweise folgendermaßen: Das Vorderrad wirbelt während der Fahrt die Schraube oder den Nagel so auf, dass sich das Hinterrad daran aufspießt. Leider passiert das häufiger, als man sich wünschen möchte. Nach meinen Erfahrungen würde ich sagen: so alle 20.000 bis 40.000 km, je nach Straßensauberkeit. Die gute Nachricht jedoch: Da der Schaden meist so punktuell passiert, verkraften die Sicherheitsreserven der Karkasse das. Eine Reparatur ist möglich. Viele Anwender fahren eine Tour (oder gar einen Reifen) mit Flicken noch zu Ende. Das muss jede Person selber entscheiden. Nur Rennstrecke oder Autobahn-Topspeed würde ich mir persönlich sicherheitshalber sparen.

Hashiru-Set, gekauft in einer Filiale der Kette Polo Motorrad. Ganz ehrlich: Die Marke war mir immer egal, ich kaufe das, was da ist und vom Inhalt her passt.

(Bild: Clemens Gleich)

Das wichtigste Utensil: Ein Reifenreparaturset für schlauchlose Reifen. Das enthält mindestens eine Reibahle, ein Ding mit einer Öse (manchmal sind diese beiden Werkzeuge in einem kombiniert), mehrere Gummistreifen und ein Vulkanisierungsmittel. Diese Mindestausstattung kostet beim Motorradversand Louis knapp 10 Euro. Sie passt in jedes Reisegepäck und gehört dort hin. Ausgehend von dieser Basisausstattung können Sie schrittweise beliebig aufrüsten. Ich nehme immer ein Set, das noch ein Cuttermesser enthält. Gewohnheitsmäßige Messermitnehmer können darauf verzichten.

Viele Reparatursets enthalten CO2-Kartuschen, um die verlorene Luft zu ersetzen. Aus meiner Erfahrung reichen die nach Empfehlung dosiert nie. Ich würde also gar keine mitnehmen, sondern eine dieser kurzen Fahrradpumpen, denn die passen ins Motorradgepäck und sie können Luft liefern, bis sie kaputt sind. Ja, genau: Damit pumpt man ewig. Aber man kriegt nach dieser Ewigkeit den korrekten Luftdruck in den Reifen und kann zudem bei schleichenden Verlusten überall nachpumpen. Wer die Kartuschen liebt: Nehmen Sie die doppelte Menge mit, also für ein typisches Hinterrad sechs Stück statt drei. Sehr hilfreich: ein kleiner Luftdruckprüfer. Digitalgeräte wiegen fast nichts. Und zuletzt sollte das Bordwerkzeug am besten immer, mindestens jedoch für die große Tour eine Zange enthalten, die den Fremdkörper herauszieht. Vergessen Sie nicht: Werkzeuge müssen pro Gruppe meist nur einmal verfügbar sein. Wenn einer die Fahrradpumpe einpackt, der Zweite die Zange und die Dritte das Reparaturset, hat die Gruppe alles dabei.

Als erstes: Dichtigkeit mit etwas Wasser prüfen. Glatte Metallstücke wie Nägel dichten recht gut ab, manchmal halten sie wie im Fall auf den Fotos sogar komplett dicht. Solange der Reifen nur wenig oder keine Luft verliert: Fremdkörper stecken lassen und sich möglichst weit in Richtung einer besseren Situation bewegen. Dinge, die Sie jetzt suchen: Druckluft (statt ewig pumpen), Dach, Wasser/Nahrung, Werkstatt, heimische Garage, Ortschaft mit potenziell hilfsbereiten Menschen.

Reifenreparatur (17 Bilder)

Ein Loch ist im Reifen! Diesmal fiel es kaum auf, weil der Nagel fast ganz drin steckte und der Reifen (auch aufgrund des flachen Eindringwinkels) die Luft hielt.
(Bild: Clemens Gleich)

Wenn entweder ein guter Ort gefunden ist oder der Reifen so viel Luft verloren hat, dass er keine sichere Weiterfahrt mehr erlaubt, können Sie den Fremdkörper entfernen. Legen Sie den 1. Gang ein, denn zur Reparatur waltet einiges Drehmoment am Rad. Ziehen Sie den Fremdkörper vorsichtig hinaus. Die Luft entweicht jetzt. Der Fremdkörper verrät durch seine Form etwas darüber, wie groß das Loch ist, das er wohl riss. Weitere Informationen liefert die (vorsichtige!) haptische Untersuchung des Schadens mit der Reibahle. Die soll nun den Lochkanal glätten und weiten. In der Werkstatt oder der eigenen Garage erspart alternativ die elektrische Bohrmaschine einige körperliche Arbeit. Hierbei einen Bohrer von der Dicke der Reibahle wählen. Mit beiden Werkzeugen etwas Vorsicht walten lassen, wenn Sie sich für den Zustand der Innenseite der Felge interessieren.

Einer der Gummistreifen im Set soll in der Mitte gefaltet durch das Loch, also in doppelter Dicke. Der Trick ist hier, das Loch dennoch nicht größer zu feilen als nötig. Mein Tipp: Ein kleineres Loch funktioniert genauso, wenn man den Vulkanisierungskleber wie in mancher Anleitung beschrieben großzügig als Gleitmittel ins Loch drückt und zusätzlich den Gummistreifen gut einschmiert. Jetzt den Gummistreifen mit dem Einfädelwerkzeug ins Loch drücken, bis nur noch kurze Stummel oben herausgucken (je nach Anleitung ca. 15 mm). Werkzeug herausziehen. Der Streifen sollte stecken bleiben. Überschüssigen Kleber abwischen. Stummel mit dem Messer abschneiden. Abwarten.

Je nach Anleitung dauert die Vulkanisierung etwa 15 Minuten. Nach dieser Zeit: Mit Luft befüllen, liebe Freunde der Fahrradpumpe. Dichtigkeit prüfen. Wenn das Loch dicht hält, gilt wie beim Kettenspray: Mehr Zeit geben ist gut. Manchmal stehen die Gelegenheiten eh günstig. Gehen Sie mittags zu Mittag essen, abends zum Anlegerbier vor dem Bett. Nach der optionalen längeren Wartezeit vorsichtig 20 bis 50 km fahren und noch einmal auf Dichtigkeit prüfen. Danach hielt es bei mir immer tadellos. Wer nur flickt, um zur nächsten Werkstatt zu kommen, kann sich das längere Vulkanisieren sparen. Verliert der Reifen weiterhin Luft, hält die Reparatur dennoch oft zumindest bis in eine Werkstatt – vor allem mit der Unterstützung einer Fahrradpumpe.

Das Reparaturkit reicht meistens noch für eine zweite Anwendung, also nicht wegwerfen. Das limitierende Element bei mir ist der Vulkanisierungskleber, der ja als zweite Aufgabe den Einfädelvorgang schmiert.

Schäden an der Reifenflanke, Schlitze oder größere Risse kann ein Reparaturset nicht so beheben, dass Sie damit weiterfahren können. So etwas ist jedoch selten bei Straßenreifen. Anders sieht es auf Geröllpisten aus. Dort schlägt ein spitzer Stein schnell einen Schlitz in einen Reifen, den kein Reparaturset mehr flickt. Deshalb sollten Sie bei längeren Schottertouren überlegen, ob die beworbene Schlauchlosigkeit des Reifens zu Ihrem Vorhaben passt. Enduros fahren üblicherweise mit Schlauch – nicht nur wegen der Speichenräder, sondern auch, damit man bei einer Panne den Schlauch tauschen kann. Bei weiterem Interesse bringen wir demnächst einen Artikel für Schlauchreifen, ganz stilecht mit Reparaturfotos auf dem Alukoffer aufgebockt und mit Steinen als Werkzeug.

(cgl)