Texteditoren im Retro-Look

Ein blinkender Block-Cursor in Grün, gleich fließt der erste Satz aus den Tasten. Lange vor WYSIWYG und Ribbon-Menüs textete es sich viel schöner, oder?

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 234 Beiträge
Von
  • Stefan Wischner
Inhaltsverzeichnis

Neulich hatte ich Gelegenheit, mich vor einen alten originalen IBM PC 5150 zu setzen. Der Anblick des wuchtigen und schon leicht vergilbten Gehäuses, das satte "Klonk" des Hauptschalters, das hektische Sägen des Diskettenlaufwerks. Plötzlich war ich wieder 20 und tippte meine erste Bewerbung mit WordStar in einen Computer.

Den Job bekam ich damals nicht; die Personalchefs der 1980er waren wohl nicht fortschrittlich genug für nadelgedruckte Anschreiben auf Endlospapier. Aber rückblickend war das ein ganz besonderes Gefühl: Die Buchstaben in kräftigem Grün auf dunklem Hintergrund, das metallische Klacken der schweren Tastatur; ich fühlte mich professionell und unglaublich kreativ zugleich, ich hätte gleich mehrere Romane runterschreiben können. Also theoretisch.

Aber Moment! Schreiben ist doch längst mein Beruf geworden. Warum nicht mal einen c’t-Artikel ganz im alten Geist und Gefühl in Wordstar tippen? So wie George R.R. Martin es damals gemacht haben soll, als er sein Epos von Drachen, Wildlingen und den Kampf um einen Thron schrieb, die Annehmlichkeiten von Windows, macOS und Word bewusst verschmähend.

Ich machs kurz: Ich kam nicht sehr weit. Wordstar 3.4 startete zwar problemlos von einer fast 40 Jahre alten Diskette und ich erinnerte mich sogar an ein paar ganz wenige der kryptischen Tastenkombinationen. Ja, es fühlt sich genauso an wie damals. Aber ganz schnell zerrten die unglaublich umständliche Bedienung und die gummiartige Trägheit an meinen Nerven.

WordStar läuft problemlos in der DOSBox und fühlt sich auch an wie damals. Der Spaß hält sich aber in Grenzen.

Und das eigentliche Problem würde erst noch kommen: Zeitgenössische Textprogramme sichern Dateien nämlich in ihrem jeweils ganz eigenen Format. Und zwar auf Diskette, blöderweise auch noch im 5,25-Zoll-Format, deren Inhalt ich nur mit großen Verrenkungen auf einen modernen PC bekäme. Das müsste ich nämlich, weil unsere Schlussredaktion und die DTP-Abteilung von besagter Diskette ebenso begeistert wären wie von einem Papierausdruck. Ich frage mich ernsthaft, wie George R.R. Martin das seinerzeit mit seinem Verleger auf die Reihe bekommen hat.

Selbst dann, wenn ich keinen alten PC, sondern ein DOS-Programm in einer virtuellen Maschine nutzen würde, bliebe mir zwar die Diskette erspart, nicht aber das inkompatible Dateiformat. Nur ganz wenige Textprogramme (etwa Euroscript) boten damals einen optionalen Reintext-Export, dann aber als DOS-ASCII-Dateien. Damit auch Umlaute und Sonderzeichen erhalten bleiben, müssten diese erst in ANSI konvertiert werden, was zum Beispiel immerhin Microsoft Word ganz gut hinbekommt. Das bis für Office 2007 angebotene Kompatibilitätspack, das auch originäre Dateien von DOS-Word oder WordStar importieren konnte, hat Microsoft jedoch längst von den Downloadseiten entfernt; es liefe in den aktuellen Office-Versionen ohnehin nicht mehr.

Nein, das Herumtippen in einer alten DOS-Textverarbeitung mag für kurze Zeit ein wohliges Gefühl verklärter Retro-Romantik schaffen, ist aber definitiv nicht mehr praktikabel.

Das gilt aber nur für die Software von damals. Wer sich gar nicht zu den angestaubten Textprogrammen zurücksehnt, sondern nur gerne die klare, strukturierte Darstellung der grünen Zeichen auf dunklem Hintergrund zurück hätte, ganz ohne Menüs, Symbole, Scrollbalken und sonstigem ablenkenden Gedöns, dem kann geholfen werden. Und zwar auf einem zeitgemäßen Rechner, ganz ohne Dateiformat- oder Transferprobleme.

Distraction Free Writing nennt sich das ganz modern; passende Editoren für aktuelle Betriebssysteme gibt es zuhauf. Und die helle Schrift auf dunklem Hintergrund ist auch schwer angesagt. Dieser sogenannte Dark Mode wird von vielen Programmen geboten.

Ein Editor wie FocusWriter mit passenden Fonts und Farben kitzelt den Retro-Nerv, passt aber auch in moderne Workflows.

Was man braucht, ist ein Distraction Free Editor, der es erlaubt, die Darstellung so anzupassen, dass sie dem Look eines Textprogramms aus den 1980ern möglichst nahekommt. Gut eignet sich der kostenlose FocusWriter.

Als Erstes gilt es, den Editor auf die richtigen Farben einzustellen. Das geht in FocusWriter problemlos unter Einstellungen/Designs. Also den Fensterhintergrund auf Schwarz und die Textfarbe auf ein gefälliges Grün oder Orange (wenn man die Bernstein-Monitore lieber mochte) setzen – fertig. Schon ganz nett, aber ein bisschen mehr Retro geht noch. Nicht irgendwie Grün oder Orange, ein authentischer Farbton muss her.

c't RETRO 2020

Dieser Artikel stammt aus c't-RETRO. In der Spezialausgabe der c't werfen wir einen Blick zurück auf die ersten IBM-PCs und beleuchten den Siegeszug von Windows. Sie finden darin Praxis, Tests und Storys rund um Technik-Klassiker. Wir erinnern an Karl Klammer, stellen einen neuzeitlichen IBM-XT-Nachbau fürs Vintage-Computing vor und erläutern, wie Sie Daten von verkratzten CDs und Uralt-Festplatten retten können. c't RETRO ist ab sofort im Heise Shop und am gut sortierten Zeitschriftenkiosk erhältlich.