Avnet / Magirus: If you can´t beat him, eat him!

Es gibt zahlreiche mögliche Gründe, eine Firma zu kaufen. Im Falle der geplanten Übernahme des deutschen VADs Magirus durch die Avnet Inc. aus den USA liegt der wesentliche Grund auf der Hand: Ausschaltung eines Konkurrenten.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Magirus-Chef Fabian von Kuenheim,

Magirus-Chef Fabian von Kuenheim

(Bild: Magirus)

eine halbe Ewigkeit, hätte ich fast gesagt, liest man nichts Interessantes aus dem Hause Magirus, und dann das! Ihr amerikanischer Konkurrent Avnet Inc. plant, Magirus zu übernehmen. Wenn das keine Nachricht ist! Damit hatten Sie der Branche Anfang vergangener Woche mal wieder reichlich Gesprächsstoff geliefert. Obwohl – Sie ja eigentlich nicht, denn von Seiten Magirus´ habe ich noch kein einziges Sterbenswörtchen dazu gelesen. Aber ich denke mal, dass Sie und die übrigen Magirus-Aktionäre mit der Übernahme einverstanden sind und sich Ihre Anteile abkaufen lassen wollen. Die Fakten liegen ja soweit auf dem Tisch, wenn man vom Kaufpreis absieht. Ich wünsche Ihnen natürlich, dass dieser recht hoch ausfällt.

Was den Deal sicherlich erleichtert hat: Man kennt sich. Vor fünf Jahren hatten Sie bereits das IBM- und HP-Hardwarebusiness – immerhin ein Umsatzvolumen von rund 500 Millionen Euro – an Avnet verkauft.

Lieber Herr von Kuenheim, im Herbst vergangenen Jahres hatten wir beide uns zu Kaffee und Kuchen im Schloss Odelzhausen getroffen, weil Sie mir im Anschluss an meine kurz vorher erschienene Kolumne "Magirus, Dell, und was wir gerne wissen würden" ein paar Fragen beantworten wollten. Sie waren damals recht guter Dinge, was die geschäftliche Entwicklung von Magirus betraf und kündigten – nach zwei schwierigen Jahren – für das Jahr 2011 wieder einen Gewinn und einen Umsatz von 430 bis 450 Millionen Euro an (was dann ja auch so gekommen ist). Auch für die ersten Monate 2012 waren Sie optimistisch ("Die Projekte werden von den Kunden immer zu klein geplant, so dass anschließend nachgeordert wird.“). Dass die großen Broadline-Distributoren immer stärker auf Value Add machen und Themen aufgreifen, die klassischerweise in Ihr Ressort fallen, störte Sie nicht. "Das ist eine Entwicklung, die wir seit Jahren kennen. Wir sind den Broadlinern immer voraus und greifen frühzeitig neue Themen auf, an die die Broadliner noch nicht einmal denken“, sagten Sie mir damals.

Von Übernahmen war in unserem Gespräch seinerzeit nicht die Rede, auch nicht von einem Börsengang, über den Sie früher bereits einmal nachgedacht hatten. Alles war, bringen wir es doch einfach auf den Punkt, paletti. Zumindest schien es so.

Und jetzt das! Übernahme! Magirus läßt sich kaufen! Hammer! Nun gibt es bekanntlich zahlreiche mögliche Gründe, weshalb ein Unternehmen ein anderes kauft: zum Beispiel eine bestimmte Technik, die man selber nicht hat, oder das Know-how der Mitarbeiter, oder ein besonderer Marktzugang, eine geografische Lücke, die man auf diese Weise füllen kann, in der Distribution auch Herstellerverträge. Im Falle der Übernahme von Magirus durch Avnet geht es aber nach meiner Auffassung vor allem um eins: Um die Eliminierung eines Konkurrenten.

In einem Gespräch mit heise resale sagte der frisch gebackene Avnet-Deutschlandchef Roman Rudolf im März dieses Jahres, dass Avnet "auf einen extremen Wachstumskurs gepolt“ sei. Dass die Geschäfte bei Magirus wieder so gut liefen, konnte vor diesem Hintergrund den Amerikanern natürlich gar nicht gefallen. Dabei ist es nicht einmal nur das Deutschland-Geschäft von Magirus, welches Avnet besonders interessiert. Denn wie Sie mir im vergangenen Jahr verrieten, trägt dieses nur rund 18 Prozent zum Magirus-Gesamtumsatz bei (war aber im vergangenen Jahr stark anziehend). Großbritannien ist mit einem Umsatzanteil von 30 Prozent deutlich größer. Interessant aber auch Italien. Hier profitierte Magirus im vergangenen Jahr vom Rückzug eines Konkurrenten. Name dieses Wettbewerbers: Avnet!

Organisches Wachstum fällt auch im Bereich der Value-Add-Distribution zunehmend schwerer, zumindest in gesättigten Märkten wie Deutschland. Wenn Wachstum, dann durch Verdrängung. Die Schuldenkrise in Südeuropa macht die Situation für international operierende Distributoren auch nicht einfacher. Vor diesem Hintergrund ist die Übernahme eines Wettbewerbers durchaus ein probates Mittel, die eigene Position am Markt zu festigen und auszubauen. Aus Sicht vom Magirus macht die Übernahme ebenso Sinn; es fehlte vielleicht nicht an der Vision, welche Rolle das Unternehmen in der zukünftigen globalen Value-Add-Distributionslandschaft spielen könnte, aber womöglich doch an dem Willen und der Entschlossenheit, die dafür nötigen Kräfte und Mittel einzusetzen.

Was die geplante Übernahme für die Angestellten der beteiligten Unternehmen bedeutet, läßt sich konkret heute natürlich noch nicht sagen. Es werden aber sicherlich nicht mehr Mitarbeiter werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass sowohl die Angestellten von Avnet als auch die von Magirus sich fragen, welche Konsequenzen diese Übernahme für sie ganz persönlich haben wird. Vielleicht wird der eine oder andere sich frühzeitig nach Alternativen außerhalb des neuen Konstrukts umsehen. Ich denke hier unter anderem an Ihren Deutschland-Chef Josef "Sepp" Blank. Denn war es nicht so, dass Blank nach seinem Ausscheiden bei HP vor zwei Jahren ganz gezielt ein Unternehmen gesucht – und mit Magirus dann auch gefunden – hatte, in dem er NICHTS mit HP zu tun hat? So wird es jedenfalls in der Branche erzählt. Zu seinem Pech ist HP nun einer der größeren Herstellerpartner von Avnet. Ob Blank den Slogan von der Avnet-Homepage teilt: "Avnet und HP – eine gelungene Kombination für jeden Anspruch"?

Lieber Herr von Kuenheim, jetzt ist die Branche natürlich gespannt, ob auch aus Avnet und Magirus "eine gelungene Kombination" werden wird.

Beste Grüße!

Damian Sicking

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