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Das Internet der Energie

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Smart Grids, intelligente Stromnetze, Smart Meter, Smart xHome, intelligente Energie-Netze, Internet der Energie – es gibt viele Namen für die IT-Infrastruktur der künftigen Stromnetze. IBM spricht sogar von „intelligenten Städten“, in denen Energie- und Wasserversorgung, Verkehrssteuerung, Raumplanung und Bürgerdienste über das IT-Netz gesteuert werden.

So benennt dann auch der CeBIT-Veranstalter Smart Grids als „wichtigstes Wachstumsfeld für die IT-, Elektro- und Energiebranche in den nächsten Jahren“. Intelligente Stromnetze sollten nicht nur die Einspeisung von Energie aus vielen dezentralen Quellen übernehmen, sondern auch die Steuerung von elektrischen Verbrauchsgeräten im Haushalt. Das Management großer Solar- und Windenergieanlagen sei ohne den Einsatz von IT nicht denkbar. In einigen Jahren werde die gesamte Datenkommunikation vom Stromzähler bis zum dezentralen Wärmeerzeuger über das IP-Protokoll laufen, zeigt sich die Deutsche Messe AG überzeugt. Der Netzwerkausrüster Cisco etwa wolle 2013 rund 20 Milliarden US-Dollar mit Smart-Grid-Technik umsetzen. Siemens schätze das Marktvolumen für 2014 auf 100 Milliarden Euro ein.

„Erst intelligente Energienetze ermöglichen die effiziente Nutzung regenerativer wie fossiler Energiequellen und sind damit die Basis für eine umweltfreundliche Energieversorgung“, meint Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. Schon 2020 könnten durch den Einsatz intelligenter Netze bis zu 23 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, was dem CO2-Ausstoß von vier Kohlekraftwerken entspreche.

Bereits auf dem E-Energy-Kongress der Bundesregierung hatte Scheer an die Politik appelliert, klare Ziele und Vorgaben für Smart Grids analog zur Breitbandstrategie der Bundesregierung zu setzen. In einem entsprechenden Zeitplan müssten nachprüfbare Meilensteine definiert werden. Generell habe die IT- und Telekommunikationsbranche die Fähigkeit, komplexe Systeme zu steuern. Die Kompetenz für Beratung und zum Netzausbau sei vorhanden.

Die scheint aber auch vonnöten: Den erforderlichen „großen Umbau“ der vorhandenen Strominfrastrukturen bezeichnete Hildegard Müller vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) als „Operation
am offenen Herzen“. Den Investitionsbedarf für den Aus- und Umbau bis 2030 bezifferte Müller mit 20 bis 25 Milliarden Euro. Werner Schnappauf, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), sprach von einer „revolutionären Entwicklung“, die von einer „Avantgarde“ vorangetrieben werde. Ohne ertüchtigte Netze gebe es aber keinen grünen Strom.

Was die „intelligenten Netze“ auf Infrastruktur- und Anbieterseite sind, stellen die „Smart Meter“ auf Verbraucherseite dar. Sie sollen zum einen die Daten für die Steuerung der Stromversorgung und den Ausgleich von Lastspitzen liefern, andererseits die Informationen zur Steuerung und Senkung des Stromverbrauchs bereitstellen. Hier hat beispielsweise auch die Chipkarten-Branche ein neues Geschäftsfeld entdeckt. Die gesicherten Mikrocontroller, die zum Schutz der Zugriffs- und Abrechnungsmechanismen vor Manipulationen massenhaft in den SIM-Karten des Mobilfunks und den Conditional-Access-Karten beim Bezahlfernsehen im Einsatz sind, werden möglicherweise auch in den intelligenten Stromzählern Verwendung finden. Die wiederum sollen künftig Verbrauchsdaten sekundengenau telemetrisch erfassen und online dem Versorger übermitteln, der dann eines Tages vielleicht sogar zum Ausgleich von Erzeugungslastspitzen einzelne Haushaltsgeräte aus der Ferne steuert.

Angesichts dieser neuen Datenhalden, die in Smart Grids und durch Smart Meter entstehen, gilt die Sicherung der Privatsphäre als Schlüsselaspekt für die Akzeptanz dieser Techniken bei den Verbrauchern. Der Datenschutz bilde die Achillesferse für die Pläne der Stromwirtschaft und der Politik zum Aufbau eines „Internet der Energie“, meinte etwa Michael Laskowski, Projektleiter beim Konzern RWE. Immerhin gibt es beim E-Energy-Förderprojekt der Bundesregierung bereits Vorschläge zum Datenschutz im Smart Grid. Datensparsamkeit und -sicherheit sollten demnach Leitmotive beim Aufbau neuer intelligenter Stromnetze sein.

Rund um Smart Grids gibt es also genug Themen und Techniken, die die IT-Branche beschäftigen und auf der CeBIT dargestellt werden können. An einen eigenen Ausstellungsbereich haben sich die Veranstalter allerdings (noch?) nicht herangetraut: Smart Grids laufen auf der CeBIT 2011 unter dem Stichwort „Smart Home“. Dem vernetzten Heim und der Heimautomation, in den vergangenen Jahren ein Mantra sowohl der IT-Branche als auch der CeBIT, sollen neue, zukunftsweisende Aspekte abgewonnen werden – unter anderem durch die technischen, wirtschaftlichen, politischen und datenschutzrechtlichen Aspekte von intelligenten Stromnetzen und intelligenten Stromzählern.

Laut Deutscher Messe AG entsteht, „um das breite Spektrum der intelligenten Heimvernetzung zu veranschaulichen“, auf der CeBIT 2011 ein voll ausgestattetes Smart Home. Dargestellt würden die drei Wohnszenarien „Single“, „Familie“ und „Best Ager“. Im Obergeschoss des Hauses werde die Vision für das Jahr 2020 präsentiert. Besucher sollen sich an konkreten Beispielen informieren können. Ein wesentlicher Bestandteil des Smart Home auf der CeBIT sei die Demonstration, wie sich durch den Einsatz intelligenter Netze und Energiemanagement-Systeme der Stromverbrauch nachhaltig reduzieren lasse.

Die Beschäftigung mit dem Smart Grid im Rahmen des intelligenten Hauses richtet sich aber nicht nur an die Endverbraucher. Architekten, Bauunternehmer oder Elektroinstallateure seien beispielsweise immer stärker gefordert, sich ausführlich mit der digitalen Vernetzung unterschiedlicher Heimsysteme zu beschäftigen und Kontakte zu Lösungs- und Komponentenanbietern zu knüpfen. Gleiches gelte für die Energieversorger, meint Frank Pörschmann, Geschäftsbereichsleiter der CeBIT bei der Messe AG. Die Wirtschaftsbereiche und Angebote für diese Interessenten würden auf der CeBIT künftig stärker vertreten sein.

Der Bereich „Smart Home“ wird von der CeBIT zusammen mit dem „Innovationszentrum Connected Living“ umgesetzt. Dessen Ziele sind die Entwicklung gemeinsamer Lösungen sowie die Förderung hersteller- und produktübergreifender Kommunikation auf dem Gebiet der intelligenten Heimvernetzung. Laut CeBIT sind an der Schau neben Alcatel-Lucent, der AOK, der Bundesdruckerei, Cisco und der Deutschen Telekom unter anderem Firmen wie E.ON Metering, Dr. Riedel Automatisierungstechnik, EnBW, Loewe, Miele, Vattenfall oder Qualcomm beteiligt.

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