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Hochwasser-Katastrophe: Reseller im Kampf gegen die Fluten

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Die Auswirkungen der Hochwasser-Katastrophe in Deutschland sind noch längst nicht absehbar. Die Schadenssumme, bisher geschätzte 12 Milliarden Euro, übertrifft alle bisher bekannten Flutschäden. 2002 lagen die Kosten bei gut neun Milliarden Euro. Schon stöhnen die Versicherer. Allein die Allianz spricht nach einer ersten Schätzung der Regulierungskosten von 350 Millionen Euro. Für die gesamte Versicherungswirtschaft beziffert die Ratingagentur Fitch derzeit das Schadensaufkommen auf 2,5 bis drei Milliarden Euro. 2002 mussten die Versicherer laut GDV (Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft) etwa 1,8 Milliarden Euro aufbringen.

Am Donnerstag vergangener Woche haben Kanzlerin Angela Merkel und die 16 Ministerpräsidenten der Bundesländer im Rahmen eines sogenannten Hochwassergipfels den Flutopfern Hilfen in Höhe von 8 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Am 5. Juli soll der Bundesrat bei seiner letzten Sitzung darüber beraten. Für viele der Flutopfer in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist das wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Assekurenzen verweigern Elementarversicherung

Doch das ist nur der ein Teil der Flutfolgen. Denn viele Menschen, Privatpersonen und Unternehmer, werden leer oder annähernd leer ausgehen. Die Versicherer feilschen bereits jetzt bei Entschädigungsforderungen. So ist das beispielsweise auch im schwer betroffenen Umkreis der oberbayerischen Mangfall zwischen Kolbermoor und Rosenheim. Diese ist ein ansonsten kleiner ruhiger Fluss, der im Tegernsee entspringt und in Rosenheim in den Inn mündet. Dort, zwischen Kolbermoor und Rosenheim, so ein IT-Berater aus eigener, bitterer Erfahrung, war eine Elementarversicherung überhaupt nicht möglich. "Ich bleibe auf den Schadenskosten im Haus sitzen. Das sind sicherlich mehr als 15 000 Euro", stellt er gegenüber heise resale fest.

Bei einem Kollegen, der im nahegelegenen Bruckmühl in einem Siedlungsgebiet wohnt, sei erstmals Grundwasser durch die Bodenplatte in den Keller gedrungen. Drei Tage habe er ununterbrochen Wasser aus dem Keller gepumpt. Viel IT-Equipment und alle Unterlagen für die Buchhaltung der zurückliegenden Jahre seien vernichtet worden. Trotz Elementarversicherung bekomme er keinen Cent Entschädigung, da das in den Keller dringende Grundwasser nicht mit versichert ist. Wäre bei ihm die Mangfall über den Damm ins Haus geflutet, hätte er seinen Schaden der Versicherung melden können.

Während die bayerische Staatsregierung laut der in Rosenheim erscheinenden Regionalzeitung Oberbayerisches Volksblatt behauptet, 98,5 Prozent aller Grundstücke in Bayern lassen sich gegen Hochwasser versichern, Assekuranzen würden gar von 100 Prozent sprechen, sieht dies ein erfahrener Versicherungsfachmann realistischer: Das sei falsch, sagt er und fügt hinzu: Ganz oft würden Anträge aus der Risikozone zurückgewiesen. Und dort wo es gerade noch gehe, verlangen die Versicherer saftige Prämien von mehr als 1500 Euro im Jahr plus einer hohen vierstelligen Selbstbeteiligung. Außerdem müsste sich jetzt manch einer, ob in den südostbayerischen Überflutungsgebieten, in den ostdeutschen Bundesländern oder in Niedersachsen auf eine deutliche Prämienerhöhung gefasst machen.

Läden überflutet – mehr als 100 000 Euro Schaden

Besonders problematisch sieht die Situation für jene Hochwassergeschädigten aus, die keine Elementarschadensversicherung bekommen haben. Und das werden in immer kürzerer Folge der sogenannten Jahrhunderthochwasser immer mehr Bürger und damit auch Unternehmen. Betroffen ist beispielsweise Rainer Dieckmann. Der Inhaber und Geschäftsführer mehrerer TK-Fachgeschäfte und mit seinem Unternehmen Media Welt Mitglied der Fachhandelskooperation Aetka, stellte in zwei seiner Läden Totalschaden fest. "In unseren Geschäften in der Altstadt in Meißen ist alles in den Fluten untergegangen, also Ladeneinrichtung und Ware. In Pirna konnten wir wenigsten noch die Ware retten. Aber die Geschäftsräume sind komplett vernichtet", berichtet er. Dieckmann schätzt die Schäden "vorsichtig schon mal auf 100 000 Euro." Das Problem: noch sei nicht sicher, ob er für die Schäden in Meißen eine Entschädigung erhält. "In Pirna jedenfalls müssen wir alles selber zahlen", so Dieckmann weiter.

Positiv sei bei allem Unglück die Hilfsbereitschaft vieler Menschen gewesen. "Da haben Nachbarn, wildfremde Menschen und viele junge Leute sofort ihre Hilfe angeboten, sind mit Schubkarren gekommen, um die kaputten Ladeneinrichtungen aus den Läden auf die Straße zu bringen und haben den Schutt rausgeschafft. Einfach so, ohne viel Aufhebens." Und sein Verkaufsleiter Rene Groth in Dresden fügt hinzu: "Es ist ja nicht nur der materielle Schaden in den beiden Filialen. Die Frage ist auch, wann können die Shops wieder eröffnet werden, um die Umsatzverluste möglichst gering zu halten und nicht zu viele Kunden zu verlieren."

Außerdem, so Dieckmann, müsse er für die Mitarbeiter der beiden Standorte vorübergehende Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten finden. Aber an den anderen acht Standorten der Media Welt gebe es keinen wesentlichen Personalbedarf. Filialleiter Groth hofft, "dass die Hilfen durch Länder und Bund auch die mittelständischen Unternehmen einschließen." Sein Chef hat sich zwar "über die Soforthilfe von 1500 Euro in Meißen gefreut", allerdings sei dies bei der Schadenshöhe und den noch zu erwartenden Folgekosten noch nicht einmal "ein Tropfen auf den heißen Stein."

"Ohne die vielen Helfer wäre der Schaden noch größer"

Wenn die gröbsten Schäden beseitig sind, wird sich Rainer Dieckmann "zu allererst bei den vielen Helfern, vor allem auch bei den Schülern mit einem kleinen Geschenk bedanken." Dabei rechnet der Aetka-Händler auch mit Sachspenden durch den IKT-Distributor Komsa, zu dem Aetka gehört und natürlich auch auf die Lieferanten. Bei Komsa, die am Standort im sächsischen Hartmannsdorf nicht direkt vom Hochwasser betroffen sind, habe man laut Firmensprecherin Katja Förster bereits vorletzte Woche "mit der Industrie gesprochen." Dabei ging es vor allem um Sachspenden, speziell Ladenmöbel. Außerdem habe man ein Onlineforum für Gebrauchtmöbel eingerichtet. "Und beim Aetka-Geschäftsführertreffen veranstalteten wir eine Versteigerungsaktion, deren Erlös hochwassergeschädigten Mitgliedern zugute kommen wird", berichtet die Unternehmenssprecherin. Auf jeden Fall sollten betroffene Aetka-Händler auf die Zentrale zukommen.

"Als die Elbe immer weiter stieg, musste alles raus"

Auch Kai Richter und seine beiden Partner Jens Hohlfeld und Mario Urbanek, die in Neustadt/Saale und in Pirna die PC-Geschäfte Volkscomputer führen, werden sich, so bald sie "wieder Land sehen" bei allen Helfern bedanken. "Wir haben während der Hochwasserkatastrophe sehr viel Unterstützung durch unsere Mitarbeiter, durch Nachbarn und sogar Mitbewerber erfahren." Betroffen von der Flut war das Geschäft der Microtrend-Partner und damit Synaxon-Mitglieder vor allem in Pirna. "Als wir hörten, dass die Elbe die Hochwassermarke von 2002 übersteigen wird, haben wir sofort mit Ausräumen begonnen", erzählt Kai Richter. Die Waren wurden teilweise in den Privaträumen von Mitarbeitern zwischengelagert. Denn die Flut zerstörte den Laden komplett. "Die Brühe stand im Geschäft gut 1,5 Meter hoch." Den vorläufigen Schaden beziffert Richter auf mehr als 20.000 Euro. Mit Umsatzausfall kämen bisher gut 50 000 Euro zusammen.

Die Versicherung werde, so hofft er, zwar den Sachschaden regulieren, aber alles andere bleibe bei den Geschäftsführern und den Mitarbeitern hängen, für die unter Umständen Kurzarbeitergeld beantragt werden müsste. Auf jeden Fall werden er und seine beiden Mitstreiter nicht aufgeben. "Wir eröffnen wieder in Pirna unser Geschäft", gibt er sich zuversichtlich. Allerdings soll es dann eine mobile Ladeneinrichtung geben. "Dann geht es bei einem erneuten Hochwasser schneller und wird nicht ganz so teuer."

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