Jobs, Dell, Gates & Co: Kann man wirklich etwas von ihnen lernen?

Wir weniger Erfolgreichen interessieren uns natürlich brennend dafür, wie es die total Erfolgreichen geschafft haben, reich und berühmt zu werden. Deshalb kaufen wir Bücher und lesen Artikel, die Überschriften haben wie "Lernen von Michael Dell“ oder "Was Manager wirklich von Steve Jobs lernen können“. Nach der Lektüre wissen wir zwar mehr, sind aber nicht unbedingt schlauer.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Microsoft-Gründer Bill Gates,

Microsoft-Gründer Bill Gates

(Bild: Microsoft)

aus Anlass des Deutschland-Besuchs von Michael Dell – Sie wissen schon, das ist der Gründer und Chef des gleichnamigen IT-Unternehmens – veröffentlichte Spiegel-Online vor kurzem einen Artikel mit der Überschrift "Lernen von Michael Dell". Und das renommierte Wirtschaftsmagazin Harvard Business Manager widmet seine Titelgeschichte der Mai-Ausgabe dem verstorbenen Apple-Gründer und fasst in 14 Lektionen zusammen, "was jeder Manager wirklich von Steve Jobs lernen kann".

Nur für den Fall, dass Sie sich jetzt ärgern, lieber Herr Gates, weil sich momentan niemand dafür zu interessieren scheint, was man von Ihnen lernen kann: Bleiben Sie entspannt. Sie sind nicht allein. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen Artikel darüber gelesen habe, welche Lehren man beispielsweise aus dem Leben und Wirken von Oracle-Chef Larry Ellison, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Ebay-Erfinder Pierre Omidyar, Google-Gründer Larry Page oder Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg für sein eigenes Leben und Schaffen ziehen kann. (Über Zuckerberg ist ja wenigstens ein Film gedreht worden, aber das ist eine andere Geschichte.)

Dabei ist es mir zumindest völlig klar, dass zum Beispiel ein kleiner IT-Fachhändler aus Bückeburg von Ihnen oder Ellison oder Bezos oder Omidyar oder Page oder Zuckerberg mindestens so viel lernen kann wie von Jobs oder Dell. Oder von jedem anderen. Völlig egal. Denn von jedem Menschen kann man eine Menge lernen, und sei es, wie man es nicht macht. Denn merke: Kein Mensch ist unnütz – zur Not kann er immer noch als schlechtes Beispiel dienen. Es würde mich daher auch nicht wundern, wenn man von manchem Bettler in der Fußgängerzone genauso viel lernen könnte wie von einem Top-Manager aus der IT-Industrie. Wenn nicht mehr!

Aber klar: Es gibt die Erfolgreichen und die, die es noch werden wollen. Und ebenso klar ist, dass sich die letztgenannten dafür interessieren, wie es die Erfolgreichen geschafft haben, nach oben zu kommen. Aus diesem Grunde gibt es auch schwere Bücher, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, zum Beispiel das über 400 Seiten dicke Buch "Management – von den Besten lernen" von Frank Arnold (hier findet man dann Gott sei Dank doch noch ein Kapitel über Sie, lieber Herr Gates). Was solchen Ratgebern oft gemeinsam ist: Sie versuchen krampfhaft, bei den völlig unterschiedlichen Menschen, von denen sie handeln, irgendetwas Gemeinsames zu finden. Das ist dann zwangsläufig etwas dünn und banal.

Nun behaupte ich nicht, dass die Lektüre solcher "Von den Besten lernen"-Schriften völlig nutzlos und überflüssig ist. Aber der Anspruch oder das Versprechen "Mach es wie Steve Jobs und du bekommst dieselben Ergebnisse wie Steve Jobs" ist natürlich völliger Unsinn. Das würde nur unter einer Voraussetzung funktionieren: Wenn man selbst ein Klon von Steve Jobs wäre und wenn die Voraussetzungen und Umstände exakt dieselben wären wie bei dem Original Steve Jobs. Das passiert ja eher selten. Aber anregen und inspirieren lassen kann man sich von solchen Artikeln natürlich, keine Frage.

Es ist nun einmal so, wie es ist: Die Welt ist bunt und die Menschen sind unterschiedlich. Deshalb halte ich es mehr mit dem Managementberater Reinhold Sprenger. Der beschäftigt sich in seinem lesenswerten Buch "Gut aufgestellt“ in dem Kapitel "Erfolgsrezepte gibt es nicht" genau mit diesem Thema. Sinngemäß heißt es hier: Bei vielen Wirtschaftskapitänen besteht der Glaube, sie müssten nur das gleiche machen wie andere, erfolgreiche Unternehmen, dann wären sie ebenso erfolgreich. Eben das ist der Irrtum, sagt Sprenger. Denn wenn der eine Unternehmer das Gleiche macht wie sein Nachbar, heißt das noch lange nicht, dass auch dasselbe dabei herauskommt. Und wenn zwei Unternehmen ganz unterschiedlich vorgehen, können sie trotzdem gleichermaßen erfolgreich sein.

Sprenger wörtlich: "Da gibt es das Handelsunternehmen, das von seinem Geschäftsführer mit großer Menschenliebe seit Jahrzehnten von Erfolg zu Erfolg geführt wird. Und da gibt es das Unternehmen derselben Branche, das von der Inhaberfamilie mit beeindruckender Menschenverachtung seit Jahrzehnten von Erfolg zu Erfolg geführt wird. Zwei Unternehmen, die internen Unterschiede kaum größer vorstellbar, auf demselben Markt, mit fast demselben Sortiment, im Kampf um denselben Kunden, und beide sind dauerhaft erfolgreich."

Ich denke, damit ist alles gesagt.

Beste Grüße!

Damian Sicking

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