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Kohls Vermächtnis

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Lieber unbekannter, anonymer Leserbriefschreiber,

über Ostern ist jetzt auch unser Altbundeskanzler Helmut Kohl 80 Jahre alt geworden, was erstens immer noch ein stattliches Alter ist und zweitens eine gute Gelegenheit für 500 Vertreter der Jungen Union darstellte, Kohl an seinem Wohnsitz im beschaulichen Oggersheim ein Geburtstagsständchen zu singen. Allerdings disponierte man bei der Wahl des Liedguts in letzter Minute um, wie heise resale exklusiv erfahren hat. Auf das ursprünglich vorgesehene Lied "Hoch soll er leben" hat man auf einen besorgten Einwand hin verzichtet, denn wer hoch lebt, der kann bekanntlich auch tief fallen, was Kohl ja schließlich am eigenen Leibe hat erfahren müssen, ich sage nur Spendenaffäre und schwarze Kassen. Also sang man das unverfängliche "Zum Geburtstag viel Glück", und das kann ja jeder gebrauchen.

Jedenfalls brachte das Fernsehen einen längeren Beitrag sogar in den Hauptnachrichtensendungen und würdigte die zahlreichen Verdienste, die sich der "Schwarze Riese" in seiner 16-jährigen Amtszeit für Deutschland erworben hat, zum Beispiel fällt mir jetzt gerade keines ein. Eine Frage ist aber wieder einmal nicht gestellt worden, nämlich: Was hat Kohl eigentlich für die IT-Branche in Deutschland getan? Vielleicht sind Sie, lieber unbekannter, anonymer Leserbriefschreiber, mit mir einer Meinung, dass ein jeder Bundeskanzler und eine jede Bundeskanzlerin, ja recht eigentlich ein jeder Politiker daran gemessen werden muss, was er bzw. sie eigentlich für die IT-Branche in Deutschland getan hat. Kohls Nachfolger hatten das begriffen. Gerhard Schröder hat bekanntlich die Green Card für die Inder erfunden, und Angela Merkel hat sich auf dem letzten Nationalen IT-Gipfel bei der Branche sogar schwer eingeschleimt. Bei Kohl dagegen sieht es in dieser Hinsicht zappenduster aus. Für Kenner der Branche nicht verwunderlich. Wir erinnern uns: Als ein IBM-Manager im Jahr 1995 nach seiner Meinung zum Ausbau der Datenautobahn in Deutschland fragte, entgegnete dieser, der Straßenbau sei Ländersache. Das war seinerzeit ein echter Brüller.

Aus Anlass von Kohls Geburtstag hatte ich meine Doktorarbeit wieder hervorgekramt, die sich mit der Frage nach Kohls Einfluss auf die IT-Branche beschäftigt und die ich vor fünf Jahren begonnen hatte. Was soll ich sagen: Ich bin immer noch auf der ersten Seite und da steht auch nicht gerade viel drauf. Naja, Schwamm drüber, war halt nicht seine Welt. Jetzt aber hat Kohl etwas sehr Kluges und Richtiges gesagt. Er hat nämlich die Jammerkultur in Deutschland beklagt. In gewisser Weise hat er also darüber gejammert, dass in Deutschland so viel gejammert wird. Fachleute bezeichnen dies als Metajammern. Ich meine, Kohl hat Recht, finden Sie nicht? Deutschland ist im internationalen Maßstab sozusagen das Hochlohnland des Jammerns, und das ist nach der Wiedervereinigung nicht besser geworden, im Gegenteil.

So, lieber unbekannter und anoymer Leserbriefschreiber, und als ich Kohls Klage über das Jammern las, da fiel mir spontan Ihr Leserbrief ein, den Sie mir vor kurzem via E-Mail zugesandt hatten. Denn darin jammern Sie ja auch, und zwar über Ihren ehemaligen Chef, der in Wirklichkeit gar nicht so nett und so klug und so ein toller Unternehmer sei, wie er sich in der Öffentlichkeit immer gerne präsentiere, sondern im Gegenteil eine rechte, nunja, sagen wir es ruhig, Knackwurst. Es mag sein, dass Sie Recht haben,das kann ich nicht beurteilen, aber als ich Ihren Leserbrief erhielt, musste ich mich fragen, was wohl Ihr ehemaliger Chef über Sie sagen oder schreiben würde (er hat es nicht getan).

Mein Eindruck ist – und damit sind wir wieder bei Altkanzler Kohl –, dass auch in der deutschen IT-Branche gejammert, gemeckert und gewehklagt wird, was das Zeug hält. Die Mitarbeiter jammern über ihre Vorgesetzten, die Vorgesetzten über ihre Mitarbeiter, die Kunden jammern über ihre Lieferanten, die Lieferanten über ihre Kunden und insgesamt jammert jeder über jeden. Es wird gejammert, dass die Schwarte kracht. Das ist nicht gut und macht verdammt schlechte Laune. Letztlich macht man sich dadurch selbst das Leben schwer. Es ist das historische Verdienst Helmut Kohls, darauf hingewiesen zu haben. Finden Sie nicht?

Beste Grüße

Damian Sicking

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