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Kolumne: Warum die dümmsten Bauern oft die dicksten Kartoffeln ernten

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Lieber "Entscheidungscoach" Christoph Trinkl,

gestern las ich einen Artikel mit der interessanten (und inzwischen geänderten) Schlagzeile "Führungskräfte entscheiden oft konzeptlos". Der Beitrag bezog sich auf eine Studie, die Sie durchgeführt haben. Nun ist der in der oben zitierten Schlagzeile genannte Sachverhalt ja nicht ganz neu: In der Regel benutzen wir nur zur Bewertung mancher Entscheidung des Managements nicht das Wort "konzeptlos", sondern "bescheuert". Aber ich will auf etwas anderes hinaus.

Sie behaupten Folgendes: "Rund 96 Prozent der Führungskräfte von kleinen und mittelständischen Unternehmen entscheiden spontan und aus dem Bauch heraus." Beides, fügen Sie hinzu, ist schlecht. Finden Sie? Ich denke, dass man darüber auch völlig anderer Ansicht sein kann. Was das Spontane betrifft, gut, okay, obwohl "spontan" auch oft die bessere Lösung ist ("Espresso oder Cappuccino, Chef?" – "Hm, Moment, gute Frage, ich weiß nicht, was schlagen Sie denn vor?"). Aber die Sache mit den Bauchentscheidungen, die ist überhaupt noch nicht gegessen. Es gibt nämlich ernstzunehmende Menschen, die den Bauch gerade in dieser Hinsicht rehabilitieren.

Zu diesen Menschen zählt unter anderem Dr. Gerd Gigerenzer, Psychologieprofessor und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Gigerenzer hat das Buch geschrieben "Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition". Es ist im vergangenen Jahr auf den Markt gekommen und als Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet worden. Ich kann hier nicht in epischer Breite das Buch vorstellen, aber bereits aus dem Titel geht ja hervor, um was es geht: Es ist, wenn man so will, ein Buch vom Bauch. Nämlich von der Rehabilitierung des Bauch oder – vornehmer gesprochen – von der "Intuition". O-Ton Gigerenzer: "Die Frage ist nicht, ob überhaupt, sondern in welchen Situationen wir uns auf Intuition verlassen sollten." An zahlreichen Beispielen aus Wirtschaft und Alltag zeigt Gigerenzer auf, dass die Bauchentscheidung häufig zu besseren Ergebnissen führt als die intellektuell voll durchdeklinierte Kopfentscheidung. Ein lesenswertes und – auch für den Nichtfachmann – lesbares Buch. Kostet in der Taschbuchausgabe 8,95 Euro.

Im Zusammenhang mit Ihrer Studie, lieber Herr Trinkl, erinnerte ich mich dann auch noch an ein anderes Forschungsgebnis, das zwar bereits aus dem Jahr 2000 stammt, aber dennoch hochaktuell ist. Damals nämlich hatte sich der Münchener Psychologe Georg Sieber vorgenommen, das "Unternehmer-Gen" zu finden, also diejenigen Merkmale zu erforschen, die einen Menschen zu einem – am besten – erfolgreichen Unternehmer machen. Ich habe anschließend nie wieder davon gehört, ob sie dieses Gen gefunden haben, aber an ein Ergebnis dieser Studie kann ich mich noch gut erinnern: Intelligenz gehört nicht zu den unverzichtbaren Voraussetzungen eines Unternehmers. Im Gegenteil.

"Zu hohe Intelligenz ist für einen Unternehmer hinderlich", behauptete Psychologe Sieber damals. Warum? Weil der Firmenchef dann "zu viel nachdenkt". Und das sei kontraproduktiv. Sieber musste es wissen, schließlich hat er 247 "erfolgreiche" Unternehmer befragt und dabei aufschlussreiche Gemeinsamkeiten festgestellt. Unter anderem eben die, dass "fast alle" erfolgreichen Unternehmer ihre Entscheidungen "aus dem Bauch heraus" treffen. Der Bauch ist nun bekanntlich nicht der Sitz von Intelligenz und Denkvermögen, sondern eher von Magen, Darm und Fettpölsterchen. Wenn nun, so Sieber weiter, der Unternehmer über zu viel Intelligenz verfüge, dann würde er tendenziell seine Entscheidungen nicht mehr "aus dem Bauch heraus" treffen, und das wäre schlecht. (Ich hatte damals über diese "Sieber-Ergebnisse" eine noch heute beeindruckende kritische Würdigung verfasst.)

Nun gut. Es sind, lieber Herr Trinkl, eben nicht immer die "Präzisionsanalytiker" (Vobis-Gründer Theo Lieven), welche die besten Entscheidungen treffen und den Unternehmen zum Erfolg verhelfen. Oft sind Menschen mit "Bauernschläue" erfolgreicher als "Intelligenzbestien". Gerade im Mittelstand.

Beste Grüße

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale.

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