Kommentar zur "Urbanisierung" von Tech Data

Als ich im Urlaub erfuhr, dass Tech Data den früheren Actebis-Chef Michael Urban reaktiviert hat, fiel mir fast die Flasche mit der Sonnencreme aus der Hand. Wieso ausgerechnet Urban, der schon seit fast zehn Jahren aus dem Distributionsgeschäft raus ist?

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Von
  • Damian Sicking

Lieber neuer Tech-Data-Manager Michael Urban,

Neuer Tech-Data-Manager Michael Urban

(Bild: Tech Data)

kaum ist man mal ein paar Tage im Urlaub, passieren in der Heimat die interessantesten Sachen. Schon allein die Personalbewegungen der vergangenen Woche hatten es in sich, und jede einzelne hätte es verdient, genauer analysiert und kommentiert zu werden. War zum Beispiel der Wechsel an der Spitze des IT-Dienstleisters Comparex wirklich so geplant wie vom Unternehmen dargestellt? Oder kann Erik Walter als neuer COO bei Infinigate da weitermachen, wo er vor neun Jahren als Geschäftsführer aufgehört hatte? Und wie wird sich der "gelernte" Konzern-Manager Stefan Herrlich als neuer Vertriebsgeschäftsführer beim "innovativen und agilen" (Herrlich) Mittelständler Lancom zurechtfinden; die Erwartungen an den ehemaligen Deutschland-Chef von Siemens Enterprise Communications (SEN) sind hoch, immerhin soll seine Berufung nach Angaben des Unternehmens der "Grundstein für ein noch stärkeres Wachstum in allen Geschäftsbereichen" sein.

Doch so interessant jede dieser Personalien ist, sie sind geradezu langweilig im Vergleich zu dem Paukenschlag, für den Tech Data sorgte: Sie, verehrter Michael Urban heuerten bei dem amerikanischen Großdistributor an und übernehmen einen Spitzenjob in dessen Europaorganisation. Das ist wirklich mehr als eine Überraschung. Das Anforderungsprofil, welches die Tech-Data-Leute für ihren neuen europäischen Broadline-Chef erstellt hatten, würde mich wirklich mal interessieren. Auf Sie, lieber Herr Urban, muss man erst mal kommen! Gut, Sie haben als ehemaliger Actebis-Chef reichlich Distributionserfahrung, aber diese liegen fast zehn Jahre zurück. Danach hatten Sie mit IT-Großhandel so gut wie nichts mehr am Hut. Zuletzt waren sie sogar als Modeunternehmer der Online-Maßschneiderei Youtailor aktiv.

Ist IT-Distribution 2012 vergleichbar mit der IT-Distribution vor zehn Jahren, als Sie das Geschäft noch betrieben haben? Kann man einfach wieder dort anfangen, wo man damals aufgehört hatte? Oder ist IT-Distribution vielleicht doch gar nicht so schwierig und kompliziert, wie einem immer gesagt wird (immerhin wird einer der größten Distributoren seit einiger Zeit von einem Seiteneinsteiger geführt, der vorher im Bierbrauereiwesen gearbeitet hatte). Wie ist es eigentlich um die Kompetenz der Manager in der Distribution in Europa bestellt, wenn Tech Data für eine der wichtigsten Positionen einen Mann reaktiviert, der schon seit geraumer Zeit aus dem Geschäft raus ist? Und zu Ihrer Aufgabe, lieber Herr Urban: Ist das mehr so ein Beraterjob oder haben Sie tatsächlich auch operative und Profit-and-Loss-Verantwortung? Und wie soll die Zusammenarbeit mit den einzelnen Landesorganisationen funktionieren, also unter anderem mit dem anderen Michael, nämlich dem aus München, der für das Deutschland- und Österreich-Geschäft verantwortlich ist?

Das sind so Fragen, die ich mir jetzt stelle. Wahnsinn! Fängt der Michael Urban doch tatsächlich bei Tech Data an! Ich kann´s noch immer kaum glauben. Aber wenn man mit der Distribution zu tun hat, tut man gut daran, immer mit allem zu rechnen und auch das Unmögliche für möglich zu halten. Deshalb glauben sie mir, lieber Herr Urban, wenn mir in der nächsten Woche jemand erzählen würde, dass Michael Kaack, die frühere Ikone von Macrotron und Ingram Micro, wieder irgendwo bei einem Distributor das Ruder übernimmt, ich wäre schon gar nicht mehr so überrascht wie in Ihrem Falle.

Beste Grüße!

Damian Sicking

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