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Macht Intelligenz erfolgreich und wenn ja, wie sehr?

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Lieber Psychologe Dr. Jochen Kramer,

morgen, am 1. Mai, ist ja der Tag der Arbeit. Daher macht es Sinn, wenn wir an dieser Stelle mal ein Thema abarbeiten, das uns alle beschäftigt: Was macht uns im Arbeits- und Berufsleben, was macht uns karrieretechnisch und geschäftlich erfolgreich? Am liebsten dauerhaft erfolgreich.

Auch Sie, lieber Herr Dr. Kramer, hat diese Frage nicht ruhen lassen. Als Wissenschaftler der Universität Bonn haben Sie sich sorgfältig mit diesem Thema beschäftigt, haben viel gelesen, ausgewertet, diskutiert und nachgedacht. Das Ergebnis Ihrer Studien lautet kurz und prägnant: "Intelligenz macht erfolgreich." Intelligente Menschen, haben Sie festgestellt, zeigen eine bessere Arbeitsleistung, sind lernfähiger, verdienen mehr und machen häufiger und schneller Karriere. Daher fordern Sie die Firmen- und Personalchefs auf: Vor der Einstellung von den Kandidaten öfter mal einen Intelligenztest machen zu lassen.

Gut, die Ergebnisse Ihrer Studien sind jetzt nicht sooo überraschend. Aber andererseits: Zu viel Intelligenz scheint auch wieder nicht zielführend zu sein – zumindest nicht, wenn man es bis ganz nach oben bringen will, also wenn man Firmenchef, Parteivorsitzender, Minister oder gar Bundeskanzler/in werden will. Das zeigt nicht nur ein Blick ins wahre Leben, sondern wird auch durch eine Reihe von Studien belegt. So kam der Münchener Psychologe Georg Sieber bereits vor neun Jahren auf Basis einer entsprechenden Forschungsarbeit zu dem Schluss: "Zu hohe Intelligenz ist für einen Unternehmer eher hinderlich." Warum? Weil der Firmenchef dann "zu viel nachdenkt". Und das sei kontraproduktiv. Sieber hatte 247 "erfolgreiche" Unternehmer befragt und dabei aufschlussreiche Gemeinsamkeiten festgestellt. Unter anderem eben die, dass "fast alle" erfolgreichen Unternehmer ihre Entscheidungen "aus dem Bauch heraus" treffen. Der Bauch ist nun bekanntlich nicht der Sitz von Intelligenz und Denkvermögen, sondern eher von Magen, Darm und Fettpölsterchen. Wenn nun, so Sieber weiter, der Unternehmer über zu viel Intelligenz verfüge, dann würde er tendenziell seine Entscheidungen nicht mehr "aus dem Bauch heraus" treffen, und das wäre kontraproduktiv. Diese Erkenntnis ist nun auch wiederum nicht wirklich neu, sondern in der mehr bodenständigen Formulierung "Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln" bekannt.

Es gibt in dieser Frage auffällige Parallelen zwischen Unternehmern und Politikern. Auch in der Politik ist hohe Intelligenz eher wichtig für die Leute, die in den Konferenzen immer in der zweiten Reihe sitzen, also für die Berater und Referenten. Die Mächtigen selbst sind dagegen nicht die Schlauesten. Das behauptet zumindest der Politologe Franz Walter, Professor an der Universität Göttingen. In einem Artikel mit der Überschrift "Geheimnis der Machtmenschen. Warum Politiker nicht die Klügsten sind" schreibt er unter anderem: "Hochintelligente Menschen sollten sich politische Karrierepläne aus dem Kopf schlagen. (...) Intellektuelle, streng systematisch denkende Menschen werden es schwer haben, auf dem Gipfel zu bestehen." Wer in der Politik nach ganz oben will, dem empfiehlt Walter, "nicht über die Maßen klug zu sein". Was in dieser Arena vielmehr zählt, um zu bestehen, seien Kampftugenden: Härte, Hartnäckigkeit, Kaltschnäuzigkeit, Ausdauer, Sturheit und diese Dinge. Also klassische Unternehmertugenden.

Zurück zur Ausgangsfrage: Macht Intelligenz erfolgreich? Oder vielleicht doch eher gutes Aussehen, wie andere behaupten? Die Frage ist alles andere als trivial. Man denke nur an die Auswahl seines Sexualpartners im Falle einer geplanten Fortpflanzung. Soll man bei seinem Partner mehr auf Schönheit achten oder ihn vor dem Beischlaf einen Intelligenztest machen lassen? Wir sollten den morgigen Tag der Arbeit nutzen, um darüber gründlich nachzudenken.

Beste Grüße

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale.

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