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Media-Markt: Verkaufsautomaten statt Online-Shop

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Lieber Media-Saturn-Chef Roland Weise,

natürlich musste man nicht lange auf die Leute warten, die an Ihrer schönen Idee, Media-Markt-Verkaufsautomaten auf Bahnhöfen und Flughäfen aufzustellen, herumkrittelten. Die einen erklären, das sei ein alter Hut, schließlich seien solche Automaten in Amerika längst Standard. Andere sagen, Ihre neuen Verkaufsautomaten würden sich von den "normalen" Media-Markt-Stores nur durch die Größe unterscheiden – die "normalen" Media Märkte seien auch nichts anderes als Verkaufsautomaten, nur eben begehbar.

Lieber Herr Weise, so wie ich Sie einschätze, geht Ihnen diese Kritik oder dieser Spott ganz geschmeidig am Ärmel vorbei. In Amerika abgekupfert? Auch viele TV-Sendung wie die beliebten Reality-Shows werden mehr oder weniger aus den USA importiert und laufen hierzulande mit großem Erfolg. Motto: Lieber gut kopiert als schlecht selber erfunden. Und dass sich Ihre neuen Automaten von den stationären Läden nur durch die Größe unterscheiden, also bitte, das ist doch billige Polemik. Darüber können wir, die wir aus anderen Lebensbereichen wissen, dass es auf die Größe gar nicht ankommt (umstritten), doch nur müde lächeln.

Nein, ich muss sagen, lieber Herr Weise, die Verkaufsautomaten sind eine prima Sache. Ich weiß natürlich nicht, ob das Konzept aufgeht (ein ähnlich gelagerter Ansatz von Aral bzw. BP mit sogenannten "ePoints" an den Tankstellen vor einigen Jahren ging ja in die Hose), aber es ist mal wieder ein Versuch, die ausgetrampelten Pfade des IT-Handels zu verlassen und etwas Neues zu wagen. Ob so etwas funktioniert, weiß man ja meistens erst hinterher. Es gefällt mir, dass Sie genau so pragmatisch an die Sache herangehen. "Dies ist ein Test. Sollten wir keine ausreichenden Umsätze machen, bauen wir die Geräte wieder ab", werden Sie in der Tageszeitung Die Welt zitiert.

Überhaupt muss man sagen, dass bei Media-Saturn in den vergangenen Monaten Einiges passiert ist. Nachdem Sie im vergangenen Jahr in München den größten Media Markt der Welt mit einer Verkaufsfläche von zwei Fußballfeldern eröffneten (heise resale berichtete), kommen Sie jetzt mit dem kleinsten Media Markt der Welt – das nennt man wohl Abrundung der Produktpalette nach oben und unten. Und dazwischen überraschten Sie die Branche mit der Entscheidung, das Sortiment um Eigenmarken zu erweitern. Von den Auslandsaktivitäten ganz zu schweigen. So wurde die erste von geplanten 100 Filialen in China gerade eröffnet. Dafür stoßen Sie im Gegenzug unrentable Bereiche wieder ab; ich denke hier vor allem an den beschlossenen Rückzug aus dem französischen Markt.

Einer der Hintergründe für Ihre Betriebsamkeit: Die Kampfansage des amerikanischen Retailers Best Buy. Die Amerikaner hatten vor zwei Jahren ein Joint Venture mit der britischen Carphone-Gruppe gegründet. Das Ziel hatte der damalige Carphone-CEO und heutige Chairman Charles Dunstone klar formuliert: "Wir werden das Gesicht des Elektronik-Einzelhandels in Europa von Grund auf verändern." Gut, so etwas dauert und ist nicht über Nacht zu machen. Aber dass es die amerikanisch-britische Allianz durchaus ernst meint, zeigt die Tatsache, dass sie im Vereinigten Königreich inzwischen sechs Megastores mit dem schönen Namen "Big Box" eröffnet hat. Allerdings geht diese Expansion auch ganz schön ins Geld; im ersten Halbjahr fiel ein Verlust von fast 30 Millionen Pfund an. Dennoch sind weitere Investitionen beschlossene Sache.

Klar, dass Sie, lieber Herr Weise, weiter an Ihrer Abwehrstrategie basteln. Wie heißt es so schön? "Konkurrenz belebt das Geschäft", in diesem Falle aber wohl in erster Linie die Geschäftstätigkeit bei Ihnen in der Konzernzentrale in Ingolstadt. Einiges haben Sie und Ihre Leute ja schon erreicht, aber eine Nuss wartet noch immer darauf, von Ihnen geknackt zu werden: der Media-Saturn-Internet-Shop. Bin gespannt, ob das noch mal was wird.

Beste Grüße

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale

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