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PC-Netzteile: Preisdruck zwingt zu Qualitätsabstrichen

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Im Jahr nach der Wirtschaftskrise hat sich der Wettbewerb bei PC-Netzteilen deutlich verschärft. Der Preisdruck zwingt einzelne Hersteller bei der Qualität und der Leistungsfähigkeit Abstriche zu machen, erläutert Benjamin Schäfer, Marketing/PR bei Enermax Deutschland, im Interview mit heise resale.

Wie beurteilten Sie das Geschäft und die Liefersituation bei PC-Netzteilen in diesem Jahr bzw. aktuell im vierten Quartal? Welche Typen und Wattklassen verkaufen sich am besten?

Schäfer: 2009 haben wir trotz Wirtschaftskrise neue Rekordumsätze erzielt. Auch das erste Quartal 2010 verlief mit der Einführung unserer neuen 80Plus-Gold-zertifizierten Modu87+- und Pro87+-Serien sehr erfolgreich. Die folgenden Quartale waren im Vergleich dazu etwas schwächer, aber dennoch stabil. Für das vierte Quartal erwarten wir, dass wir leicht unter den außergewöhnlich guten Zahlen des Vorjahres bleiben.
In den letzten Monaten des Jahres steigt die Nachfrage nach neuen Netzteilen. Das ist ein Trend, den wir auch in den Vorjahren beobachtet haben. Entsprechend sind wir darauf gut vorbereitet und müssen nicht mit Engpässen rechnen. In diesem Jahr hatten wir lediglich zum Verkaufsstart unserer neuen Netzteilserien im ersten Quartal kurzzeitige Lieferschwierigkeiten.
Am beliebtesten sind Netzteile im Bereich zwischen 350 und 500 Watt. Allerdings beobachten wir, dass durch neue Hochleistungsgrafikkarten und Preisnachlässe bei auslaufenden Serien, auch die Nachfrage nach höherwattigen Netzteilen ab 700 Watt gestiegen ist.

Worauf sollten Fachhändler beim Kauf eines Netzteils achten?

Schäfer: Reseller sollten darauf achten, dass sie nur gut laufende Netzteile im Lager halten. Teurere und weniger nachgefragte Modelle erhält der Kunde dann auf Bestellung. Wir beliefern die Distribution in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Und auch die Distributoren halten für gewöhnlich eine Lieferfrist von 24 Stunden nach Bestelleingang ein.
Darüber hinaus sollten Fachhändler darauf achten, dass sie möglichst viele Netzteile mit niedrigen Ausfallraten verkaufen und verbauen. Defekte sorgen nicht nur für Verärgerung beim Kunden, sondern bringen auch einen Zusatzaufwand und zusätzliche Kosten mit sich. Denn der Händler ist die erste Anlaufstelle bei Garantiefällen.

Was zeichnet Ihrer Ansicht nach ein gutes Netzteil aus?

Schäfer: Qualität, Leistungsvermögen, Sicherheit und Zuverlässigkeit sollten beim Kauf eines Netzteils eine bedeutende Rolle spielen. Wichtig ist zunächst, dass das Netzteil auch wirklich die angegebene Leistung erreicht. Es gibt immer noch viele Produkte gerade im Low-End-Bereich, die bei 80 Prozent Auslastung abschalten. Außerdem sollte man darauf achten, dass das Netzteil über starke 12-Volt-Schienen verfügt. Sie sind für die Stromversorgung der zentralen Systemkomponenten verantwortlich. Sind sie zu schwach oder arbeiten sie instabil, leidet das gesamte System. Dementsprechend erkennt man minderwertigere Netzteile an im Vergleich extrem starken 5-Volt- und 3,3-Volt-Leitungen. Diese sind aber für die Stromversorgung des Systems nur noch zweitrangig.
Darüber hinaus ist es empfehlenswert auf Netzteile mit mehreren 12-Volt-Schienen zu setzen (sogenanntes Multi-Rail-Design). Sie bieten gegenüber One-Rail-Netzteilen einen entscheidenden Sicherheitsvorteil: Jede einzelne Schiene besitzt eine eigene Überstromsicherung (OCP) – zumindest bei Markenherstellern. Deshalb sollte man vor dem Kauf eines Netzteils auch nachprüfen, über welche Sicherungsmechanismen es verfügt. Die meisten Hersteller machen genaue Angaben darüber. Falls nicht, ist Vorsicht geboten. Die Qualität eines Netzteils erkennt man natürlich auch an den verwendeten Bauteilen. Dabei sollte man den Blick jedoch nicht nur auf den primären Elektrolytkondensator (Elko) beschränken, wie es in einzelnen Produktreviews geschieht, sondern den Gesamtaufbau betrachten. Das Leistungsvermögen erkennt man am schwächsten Bauteil eines Netzteils.
Merkmale eines guten Netzteils sind zudem die Effizienz und Geräuschentwicklung. Einen Anhaltspunkt gibt die 80Plus-Zertifizierung. Fehlt diese oder wird sie durch firmeneigene Zertifikate ersetzt, ist Misstrauen angebracht. Die Effizienz hat wiederum auch Einfluss auf den Geräuschpegel. Denn je höher die Effizienz, desto geringer ist die Wärmeentwicklung und desto langsamer kann der Netzteillüfter drehen. Einfluss auf den Geräuschpegel haben außerdem das Lüfterlager und die Lüftersteuerung. Enermax setzt seit einiger Zeit auf das hauseigene Twister-Lager, das sich durch eine hohe Lebensdauer (bis zu 100.000 Stunden MTBF) und extreme Laufruhe auszeichnet.

Welches sind die Kaufkriterien der Kunden?

Schäfer: Wie auch in anderen Produktbereichen gibt es drei wesentliche Zielgruppen. Die erste kauft preisorientiert und achtet nicht auf Qualität und Funktionalität. Auf diese Nutzer konzentrieren sich No-Name-Hersteller und C-Brands. Die nächste Gruppe besteht aus Kunden, die nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis suchen. Hier entscheidet also nicht nur der Preis über den Kauf, sondern auch die Qualität und bestimmte Eigenschaften des Netzteils. Diese Zielgruppe ist sowohl für B- als auch für A-Brands interessant. Zudem gibt es die so genannten "Early Adopter", für die der Preis kaum eine Rolle spielt. Sie wollen das beste und neueste Produkt, mit der höchsten Qualität, aktuellsten Technologie und bestmöglichen Funktionalität. Auf sie richtet sich der Focus der A-Brands. Nur mithilfe der Early Adopter lassen sich Innovationen und neue, hochwertige Produkte am Markt etablieren.

Mit welcher Entwicklung kann der Handel bei PC-Netzteilen generell rechnen?

Schäfer: In den vergangenen zwei Jahren war Effizienz das alles bestimmende Thema. Das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Denn speziell bei schwacher Auslastung sind noch Verbesserungen möglich. Eine wichtige Rolle wird im kommenden Jahr die neue EU-Verordnung Energy-Related Products (ErP) Lot 6 spielen, nach der Computersysteme im Standby-Betrieb nicht mehr als ein Watt verbrauchen dürfen. Das Netzteil ist dabei neben dem Mainboard die ausschlaggebende Komponente. Die ErP Lot 6 wird in den kommenden Monaten auch Teil der CE-Zertifizierung und hat damit direkte Auswirkungen auf die Hersteller von Computersystemen und auf Systemintegratoren. Wir bringen die ersten Netzteilserien, die die Erfüllung der neuen EU-Norm unterstützen, Anfang 2011 auf den Markt.
Man konnte in diesem Jahr beobachten, dass einige Brands durch die Preiserhöhung Marktanteile verloren haben und diese zum Ende des Jahres und Anfang des kommenden Jahres durch neue Serien und Preisnachlässe auf die auslaufenden Serien zurückerobern möchte. Der Preisdruck hat außerdem dazu geführt, dass einzelne Hersteller bei der Qualität und der Leistungsfähigkeit ihrer Produkte Abstriche machen mussten, um das alte Preisniveau zu halten bzw. die Preise senken zu können.
Der Wettbewerb um Marktanteile wird im kommenden Jahr im Segment der 80Plus- und 80Plus-Bronze-Netzteile entschieden. Diese Effizienzstufen sind bereits Standard und können von Mainstream-Herstellern verhältnismäßig günstig angeboten werden. Die Endkunden sind preisbewusster geworden und so wird am Ende der günstigste Preis den Ausschlag geben. (map)

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