Redcoon: Freudenhaus der ITK-Branche

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Lieber Redcoon-Chef Reiner Heckel,

da gibt es diesen Song von Rocklegende Frank Zappa mit dem Titel "Titties and Beer", und es geht darin um…nunja, wie der Titel schon sagt. Das Lied handelt von einem durchgeknallten Motorradfahrer, der seine Seele an den Teufel verkauft, um dafür als Gegenleistung ein lebenslanges Abonnement auf "Titties and Beer" zu erhalten. Denn "Titties and Beer" sind für unseren Motorradfahrer das Wichtigste im Leben und eigentlich das Einzige, was ihn wirklich interessiert.

Lieber Herr Heckel, an diesen Song von Frank Zappa und diesen Typen musste ich ganz spontan denken, als ich in der vergangenen Woche den Trailer zur neuen Werbekampagne von Redcoon anschaute. Es gibt in diesem Trailer zwar kein Bier, aber dafür wird man mit jeder Menge "Titties" bombardiert, und zwar von vier jungen Frauen, die sich kaum verhüllt an einem Pool räkeln und dort allerhand Schabernack treiben. Es handelt sich um den Trailer für die neue Werbekampagne von Redcoon, die in diesen Tagen flächendeckend im Fernsehen und im Internet zu bestaunen ist. Das Ganze unter dem Slogan "So viel billig gab´s noch nie", und das ist ganz das Niveau unseres Motorradfahrers aus dem Zappa-Song. Ich bin sicher, wenn dieser junge Mann heute hier bei uns in Deutschland lebte, er wäre punktgenau die Zielgruppe von Redcoon und dieser neuen Werbespots. Das Bier kann er sich ja an der nächsten Tanke dazuholen.

Lieber Herr Heckel, ich muss Ihnen gratulieren. Der Ansatz ist super, ich bin zuversichtlich, dass die Werbung ein Riesenerfolg werden wird. Und sie ist ausbaufähig. Was halten Sie zum Beispiel von einem Gewinnspiel auf Redcoon.de? Hauptpreis: Ein Wochenende im Edel-Puff am Redcoon-Firmensitz in Aschaffenburg. Zweiter Preis: Eintrittskarten zur Erotikmesse "Venus" in Berlin für den Gewinner und seine drei besten Kumpels (inkl. Übernachtung im Sterne-Hotel). Dritter Preis: Ein Jahresabo der St. Pauli Nachrichten. Glauben Sie mir: Ihre Kunden werden begeistert sein.

Klar, es wird natürlich auch wieder ein paar Schmetterlingsjäger und Gedichteschreiberinnen geben, die Ihre Kampagne weniger gelungen finden und irgendetwas vom Untergang des Abendlandes murmeln. Damit muss man immer rechnen, wenn man solche aufmerksamkeitsstarken Aktionen macht. Ich erinnere mich noch an eine Aktion Ihres Konkurrenten Conrad Elektronic, die allerdings schon ein paar Tage zurück liegt. 1998 nämlich wirbelte Conrad mit seinem Werbespruch "Mit PCs ist es wie mit Frauen: Wichtig ist, dass sie gut gebaut sind." mächtig Staub auf. Ich fand den Satz schon damals phänomenal und tue es auch heute noch. Ich finde es nämlich sehr ungerecht, wenn man Frauen immer nur auf ihre inneren Werte reduziert. Aber egal. Jedenfalls gab es damals einen Sturm der Entrüstung wegen dieser Conrad-Werbung. Wird jetzt in Ihrem Fall auch so sein, lieber Herr Heckel. Aber das kann Ihnen völlig schnurz sein (und ist es Ihnen sicher auch). Die Leute, die sich über Ihre billige Reklame aufregen, kaufen ja ohnehin nicht bei Redcoon. (Allerdings weiß ich nicht, ob Papst Benedikt in Rom noch einmal bei Ihnen bestellen wird, wenn er von der neuen Redcoon-Reklame erfährt; oder nur noch über Strohmänner.)

Denn was zählt, sind die Kunden und der Umsatz, den sie bei Ihnen lassen. Und die müssen einfach mal wieder ein bisschen stimuliert werden, um es mal so zu formulieren. Denn wie man liest, ist die Zeit der enormen Wachstumsraten bei Redcoon vorbei. Im ersten Halbjahr konnten Sie danach die Erlöse gerade einmal um zwei Prozent steigern. Das Umsatzziel von 500 Millionen Euro ist in großer Gefahr, denn dazu bräuchten Sie übers Gesamtjahr eine Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr (432 Millionen Euro) von mindestens 16 Prozent. Das dürfte knapp werden.

Aber mit Ihren neuen vollbusigen, langbeinigen und vor allem freizügigen und toleranten Markenbotschafterinnen Gina-Lisa Lohfink, Micaela Schäfer, Jordan Carver und Sandra Lang ist ja noch alles drin. Geplant sind über 2.000 TV-Spots auf reichweitenstarken Sendern wie Pro7, RTL, VOX, RTL2 und N-TV sowie im Internet unter anderem bei bild.de und Spiegel-online.

Vielen Dank, lieber Herr Heckel, dass Sie unser Leben wieder ein wenig aufregender gemacht haben und mir diese schöne Vorlage für meine Kolumne. Schrieb sich recht flüssig. Und jetzt erst mal ein Bier.

Beste Grüße!

Damian Sicking

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