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Was hat Microsoft mit Navi-Hersteller TomTom vor?

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Lieber Microsoft-Chef Steve Ballmer,

in der vergangenen Woche haben Sie den niederländischen Hersteller von Navigationsgeräten TomTom wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen verklagt. Die Empörung darüber ist bei den Anwendern und Marktbeobachtern groß: Allein die Kommentare hier bei Heise summierten sich bis gestern auf rund 600 – fast alle mit demselben Tenor: Daumen runter für Microsoft.

Lieber Herr Ballmer, kann es sein, dass Ihre Klage gegen TomTom nur ein taktisches und durchsichtiges Manöver ist, dessen Ziel darin besteht, den TomTom-Vorständen und -Aktionären Angst zu machen. Ist es möglich, dass dahinter Ihre Absicht steht, den niederländischen Navi-Hersteller zu übernehmen, und das natürlich so billig wie möglich? Wenn dies so ist, dann scheint Ihre Rechnung bisher sogar aufzugehen. Nachdem die Medien darüber berichtet haben, dass Sie TomTom vor den Kadi zerren wollen, rutschte der Kurs der TomTom-Aktie auf zeitweilig 2,75 Euro runter. TomToms Unternehmenswert verringerte sich auf nur noch 342 Millionen Euro. Ein Schnäppchen für einen Giganten wie Microsoft.

Schon vor Microsofts unfreundlicher Maßnahme waren die TomTom-Aktien auf einen neuen Tiefstand von unter 3,50 Euro gefallen. Der Grund waren die Geschäftszahlen des Jahres 2008 – mit einem Nettoverlust von 989 Millionen Euro, der vor allem auf Abschreibungen in Folge der Tele Atlas-Übernahme basierte. Dann kam Microsoft, und der Kurs des TomTom-Wertpapiers verabschiedete sich weiter nach unten. Kann es sein, dass Sie sich angesichts dieser Entwicklung vergnügt die Hände reiben, lieber Herr Ballmer?

Microsoft und TomTom – das ist ja nicht ganz neu. "Microsoft soll es auf TomTom abgesehen haben." So lautete die Schlagzeile im Handelsblatt bereits am 4. Juli 2006. Auch andere Medien wie das Manager-Magazin veröffentlichten seinerzeit entsprechende Berichte. Damals ist nichts daraus geworden. Heute muss TomTom als Übernahmekandidat für Microsoft noch appetitlicher als vor zweieinhalb Jahren sein.

Der FAZ-Journalist Johannes Winkelhage hat den Gedanken einer TomTom-Übernahme durch Microsoft in der vergangenen Woche wieder ins Spiel gebracht. In seinem Blog stellt er die Frage "Wer kauft TomTom?". Dass TomTom aufgrund des derzeit geringen Firmenwerts für einen potenziellen Käufer ein Leckerbissen ist, steht fest. Winkelhages Favoriten sind Google und Microsoft. Interessant – und damit noch viel wertvoller als im Jahr 2006 – ist TomTom vor allem aufgrund der bereits erwähnten Tochterfirma Tele Atlas. TomTom hat den Hersteller digitaler Landkarten im vergangenen Jahr für 2,9 Milliarden Euro übernommen (den Konkurrenten Navteq hatte sich Nokia einverleibt – für fünf Milliarden Euro). Der strategische Wert dieser Firmen für das Dienstleistungsangebot in einer mobilen Gesellschaft ist enorm. FAZ-Mann Winkelhage dazu: "Die Karte bietet Orientierung jeglicher Art in der mobilen Welt. Wo bin ich? Wo sind meine Freunde? Wie finden wir zueinander? Sie wird zur grundlegenden Schablone, auf der sich das Leben der Personen abspielt. Die Karte zeigt ihnen, wo sie die Restaurants finden, die ihren Vorlieben entsprechen – oder denen ihrer Freunde. Sie weist sie auf Sonderangebote in der Umgebung hin oder präsentiert ortsbezogene Werbung. Das macht auch die Karte von Tele Atlas so interessant. (...) Nie war die Karte so wertvoll wie heute – und nie war sie so billig zu haben."

Also, lieber Herr Ballmer, Hand aufs Herz: Welches Spiel spielen Sie hier? Haben Sie das nötig, den ohnehin schon niedrigen Firmenwert noch weiter nach unten zu ziehen? Ist Ihnen TomTom mit rund 350 Millionen Euro noch immer nicht billig genug? Lohnt es sich, für eine vergleichsweise geringe Ersparnis den ohnehin zerbrechlichen Ruf von Microsoft weiter zu schädigen?

Beste Grüße

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale.

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