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Wenn Angst die Karriere blockiert

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Die Diagnose "soziale Phobie" zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Dennoch ist sie der Öffentlichkeit bisher relativ unbekannt. Deshalb weiß so mancher Betroffene nicht, dass hinter seiner beruflichen Unzufriedenheit eine handfeste psychische Krankheit steckt. Madeleine Leitner, Karriereberaterin und gelernte Psychologin und Psychotherapeutin, über die Angst, die die Karriere blockiert.

Was genau versteht man unter einer "sozialen Phobie"?

Leitner: Die Diagnose "soziale Phobie" gehört nach der internationalen Klassifikation (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den psychischen Störungen. Obwohl sie sehr verbreitet ist, ist sie relativ unbekannt. Die Betroffenen leiden unter starker Angst, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren, zu versagen oder abgelehnt zu werden. Das kann sich bis zu Panik steigern. Damit verbunden können auch körperliche Symptome sein, zum Beispiel Zittern der Hände, Herzklopfen oder nervöse Durchfälle. Das Ganze kann aufgrund des mit den Ängsten verbundenen Vermeidungsverhaltens zu einer völligen sozialen Isolierung führen.

Ein Großteil der Beschreibung trifft auf Menschen zu, denen man nachsagt, dass sie schüchtern sind. Sind Schüchternheit und soziale Phobie das gleiche oder woran genau lassen sie sich unterscheiden?

Leitner: Die Abgrenzung ist nicht ganz eindeutig. Bei der sozialen Phobie geht um eine krankhafte Steigerung von normaler Schüchternheit. Krankheitswert ist dann vorhanden, wenn die Person ernsthaft in ihren Alltagsaktivitäten beeinträchtigt ist.

Der ICD-10 definiert die diagnostischen Leitlinien folgendermaßen:

"Für eine eindeutige Diagnose müssen alle folgenden Kriterien erfüllt sein:

  1. Die psychischen Verhaltens- oder vegetativen Symptome müssen primäre Manifestationen der Angst sein und nicht auf anderen Symptomen wie Wahn oder Zwangsgedanken beruhen.
  2. Die Angst muss auf bestimmte soziale Situationen beschränkt sein oder darin überwiegen.
  3. Wenn möglich, Vermeidung der phobischen Situation".

Die soziale Phobie zählt also zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Dennoch ist sie – im Gegensatz zu Depressionen und "Burn out" in der Öffentlichkeit relativ unbekannt. Woran liegt das?

Leitner: Die Diagnose wurde in den 90er Jahren von der WHO in die Liste der psychischen Störungen aufgenommen. Sie führt seitdem, wie die Betroffenen selbst, ein Schattendasein. Andere Diagnosen haben eine hohe Medienpräsenz und sind daher im Bewusstsein der Öffentlichkeit wesentlich besser verankert. Depressionen sind traditionelle, also etablierte psychische Krankheiten. "Burnout" ist eher eine aktuelle Modediagnose, hinter der sich alles Mögliche verbirgt, auch Ängste oder Depressionen. Der Burnout wird übrigens nicht als psychische Störung gesehen (psychische Störungen werden generell als F-Diagnosen verschlüsselt), sondern als "sonstige Störung" (Z-Diagnose). Symptome einer Depression oder eines Burnout sind von außen erkennbar. Daher können sie auch besser eingeordnet werden. Kaum ein Freund oder Arzt wird heute darüber hinweg sehen. Die soziale Phobie verläuft im Gegensatz dazu unspektakulär. Die Betroffenen wissen häufig gar nicht mehr, dass sie unter Ängsten leiden. Sie haben sich mit ihren Einschränkungen arrangiert und haben daher kaum mehr einen Leidensdruck. Die Patienten werden daher auch nicht automatisch nach solchen Dingen befragt. So bleibt die soziale Phobie bei Patienten trotz ihrer Verbreitung häufig unentdeckt, die Diagnose wie die Patienten selbst auch.

Welche Ursachen können einer sozialen Phobie zugrunde liegen?

Leitner: Die Auslöser liegen oft in der frühen Schulzeit oder sogar noch früher. Ich hatte Klienten, die vor versammelter Klasse von ihren Lehrern bloßgestellt wurden und von da an kein Wort mehr in der Öffentlichkeit sprachen. Andere wurden von völlig überzogenen Erwartungen ihrer Eltern richtiggehend "erschlagen". Sie wussten, dass Sie diese niemals erfüllen könnten. Auch systematische Schikane durch Mitschüler hat fatale Folgen. Es gab auch einige Klienten, die einfach in einer Gruppe von Überfliegern aufwuchsen. Sie gingen daher davon aus, dass sie uninteressant und nichts Besonderes waren und hielten sich von da an im Hintergrund, damit ihr Mittelmaß nicht so auffällt.

Warum merken die Betroffenen selbst lange Zeit nicht, dass sie an einer krankhaften Störung leiden?

Leitner: Ängste sind immer unangenehm und werden daher vermieden. Wer einmal im Aufzug steckengeblieben ist, geht zum Beispiel danach lieber zu Fuß. Kurzfristig bringt das auch Erleichterung. Leider können Phobiker mit ihrem typischen Vermeidungsverhalten aber auch keine positiven Erfahrungen mehr machen. Sie können ihre Angst nicht verlernen. Zusätzlich wird bei allen Phobien die Angst mit der Zeit immer größer, wenn man sie vermeidet. Durch konsequentes Vermeidungsverhalten vergessen die Betroffenen oft, wovor sie überhaupt Angst haben. So kommen sie auch so gut wie nie an Grenzen, wo sie mit ihrer eigentlichen Problematik konfrontiert werden.

Welche Folgen hat die Krankheit für Betroffene im beruflichen Umfeld?

Leitner: Sozialphobiker bleiben beruflich unter ihren Möglichkeiten. Sie verharren im Hintergrund, vermeiden exponierte Positionen und geben sich häufig mit relativ anspruchslosen Positionen zufrieden. Ich hatte Klienten, die Juristen, Ingenieure, Personalberater und sogar Topmanager waren, die aus irgendeinem Grund konsequent im Schatten oder in der zweiten Reihe blieben.

Was sollen Menschen tun, die den Verdacht haben, an einer sozialen Phobie erkrankt zu sein?

Leitner: Sie sollten einmal Selbstbeobachtung betreiben. Eine gezielte Aufzeichnung ihrer Erfahrungen kann dabei helfen, das Vermeidungsverhalten zu erkennen. Bei genauerer Analyse der Beobachtung kann man mit der Zeit besser das zugrundeliegende Muster verstehen. Kriterien sind zum Beispiel: In welchen Situationen tritt das problematische Verhalten auf? Was tue ich dann? Was denke ich dann? Was fühle ich dann? Wie reagiere ich körperlich? Auch ein Facharzt für Psychiatrie bzw. ein Psychologischer oder Ärztlicher Psychotherapeut sind fachlich am besten in der Lage, eine Diagnose zu stellen, möglicherweise auch ein guter Hausarzt.

Ist eine soziale Phobie überhaupt heilbar?

Leitner: Alle Phobien haben eine ausgesprochen gute Prognose. Vor allem mit Hilfe einer Verhaltenstherapie lassen sich rasch symptomatische Verbesserungen erzielen. Die Kosten für eine Psychotherapie bei einem psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten, der im Rahmen der kassenärztlichen Versorgung arbeitet, werden in der Regel von der Kasse übernommen.

Das Potenzial betroffener Arbeitnehmer bleibt durch das Rückzugsverhalten oft ungenutzt. Haben Arbeitgeber eine Chance zu erkennen, dass der Arbeitnehmer unter solchen Problemen leidet? Und können sie solchen Mitarbeitern helfen, das Problem zu überwinden?

Leitner: Am Wichtigsten ist es immer, überhaupt das entsprechende Problembewusstsein zu entwickeln. Wenn ein Mitarbeiter sich ständig "drückt" und nach Ausreden sucht, um nur ja nicht öffentlich auftreten zu müssen, das Reden in Gruppen vermeidet bzw. errötet oder übermäßig schwitzt, könnte es um eine soziale Phobie gehen. Ein Gespräch unter vier Augen könnte dafür genutzt werden, den Mitarbeiter vorsichtig darauf aufmerksam zu machen, dass er oder sie durch eine übermäßige Schüchternheit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Die Ängste sind den Betroffenen unangenehm, daher muss man mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen. Es nützt auf Dauer nichts, den Mitarbeiter ständig zu schonen. Stattdessen könnte man ihn oder sie bewusst dabei unterstützen, in kleinen Schritten die Ängste zu überwinden. So würde ich es auch mit ihm besprechen. Man könnte ihm bewusst kleine Aufgaben delegieren, die noch realistisch sind. Wenn der Mitarbeiter sich dann tatsächlich "überwunden" hat, kann man den nächsten kleinen Schritt machen. Ängste werden kleiner, wenn man sich bewusst mit ihnen konfrontiert. Letztlich wird der Mitarbeiter Ihnen dankbar sein. In schwereren Fällen sollte der Mitarbeiter aber unbedingt zu einem professionellen Verhaltenstherapeuten gehen. (map)

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