Hacking at Random: Informationen sind wie Wasser, und frei

Gestern wurde im niederländischen Vierhouten das Hackerfestival mit 3000 Teilnehmern eröffnet. Informationszensur und Strategien gegen Informationssperren waren die zentralen Themen des ersten Tages.

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Von
  • Detlef Borchers

12.500 Liter Club Mate und 7 Kilometer Kabel, dazu Hunderte von Zelten machen ein Hackerfestival: Die Lösung der Rechenaufgabe heißt "Hacking at Random", es wurde gestern mit rund 3000 Hackern im niederländischen Vierhouten eröffnet. Informationszensur und Strategien gegen Informationssperren waren die zentralen Themen des ersten Tages. Das frühzeitig ausverkaufte Sommertreffen dauert bis kommenden Sonntag.

Zur HAR-Eröffnung präsentierte Koen Martens einige Überlegungen, die zum Trek der Generation Netbook in die "Hoge Veluve" führten. Die Hohe Wüste ist ein Heide-Naturschutzgebiet, in dem die sozialistische Arbeiterjugend in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ein großes Grundstück erwarb. Es sollte das "Los der Werktätigen" mit einer Idee vom Leben unter freiem Himmel konterkarieren und die Arbeiter auffordern, ihren Platz unter der Sonne zu suchen. In der 1938 gebauten "Sonnenhalle" ging es Martens indes um ein anderes Element: "Informationen sind wie Wasser, es fließt überall hin." Hacker als Pioniere der digitalen Informationsflut können Dämme bauen, aber auch einreißen, wenn Informationen zurückgehalten werden.

Hacking at Random: Informationen sind wie Wasser, und frei (5 Bilder)

Die Sonnenhalle zur Eröffnungsfeier.

Die Keynote danach gestalteten Daniel Schmidt und Julian Assange von Wikileaks, in Deutschland zuletzt mit der Enthüllung einer Argumentationshilfe gegen die Piratenpartei in den Medien. Wikileaks will mehr sein als eine Plattform zur Verbreitung unterdrückter Nachrichten, sondern ähnlich wie Wikipedia ein großes Buch der Wahrheit (mit temporären Dellen). Als globale Stimme gegen die Zensur sei Wikileaks dem großen Ganzen verpflichtet: "Die menschliche Geschichte ist die einzige Anleitung, die unsere Zivilisation hat, aber wer veröffentlicht sie?"

Die abendliche Keynote des ersten Tages beschäftigte sich ebenfalls mit einer Spielart der Zensur. Joris van Hoboken, Forscher am niederländischen Institut für Informationsrecht, referierte über die Zensur, die mehr oder minder subtil von Suchmaschinen ausgeübt werde. In bestimmten Ländern funktioniert das Googeln nach einigen Begriffen nicht. Angesichts der Marktmacht von Google blieb es nicht aus, dass die Praktiken dieser Firma von Hoboken häufiger erwähnt wurden. Dies erzürnte einen älteren angetrunkenen Hacker so sehr, dass er die Bühne stürmte und dem Referenten das Mikrofon entriss. Erst nach heftigem Gerangel mit dem Sicherheitsdienst konnte der Protestierer weggetragen und der Polizei übergeben werden.

Neben Beispielen über die Zensur in China (sowohl durch Google als auch durch die chinesischen Behörden) waren auch die deutschen Verhältnisse Thema: Die Rolle der Selbstregulierung durch die "Jugendschutzorganisation" Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia wertete Hoboken als besonders kritisch, weil sie auf der europäischen Ebene eine Vorbildfunktion spielen könnte, die Zensur von Inhalten auszuweiten. Verleger, die ihrerseits Google zensieren wollen oder zumindest Geld nach einem vermeintlichen Leistungsschutzrecht verlangen, verwies Hoboken auf die Bestrebungen, mit ACAP ein transparentes Kontrollsystem für Inhalte einzurichten. Kurz kamen auch Alternativen zur Zensur der Suchmaschinen zur Sprache. Neben Meta-Suchmaschinen, die in der Kombination versteckte Inhalte aufdecken können, gehöre selbstorganisiertem Suchen über P2P-Netze die Zukunft, so Hoboken.

Selbstorganisierte Zensur war schließlich das Thema eines Vortrages der Journalistin Annalee Newitz. Sie berichtete von kollektiver Zensur von unten, vielfach mit den "technischen" Argumenten ausgeführt, dass ein Thema nicht zu einer bestimmten Web-Präsenz gehöre. Andererseits müsse es Grenzen geben: "Es kann nicht das Recht der freien Rede sein, wenn jemand auftaucht, um über Microsoft zu zetern und dann wieder abtaucht." Nach Beobachtungen von Newitz haben indes Rating-Systeme wie der Flag-Button von Blogger.com die Tendenz, die Zensur von unten zu verstärken. Newitz berichtete, wie sie selbst gezwungen wurde, ein Wiki zum Thema feministischer Science-Fiction aufzugeben. Nach ihrer Einschätzung in der anschließenden Diskussion befragt, erklärte Newitz, dass das Phänomen des Griefing als böse Spielart des Trollens weltweit zunehmen werde und dabei die Grenzen und Spielräume der freien Rede einem "Stresstest" unterwerfen werde.

Technische Grenzen sind es, mit denen die Hacker auf ihrem Sommerfest spielen wollen. Etwa mit dem weitgehend unerforschten GSM, für das ein eigenes Spielnetz mit einer Sondergenehmigung errichtet wurde, das alle Besucher mit der SMS "42" begrüßte, komplett mit dem Angebot, zum Provider "NL-42" zu wechseln. Wie auf solchen Treffen üblich, gibt es außerdem einen sportlichen Wettbwerb, der seit Freitagmorgen läuft. Zu gewinnen gibt es Ruhm und Ehre. Bei einem weiteren Wettbewerb, bei dem verschieden gesicherte DNS-Server zu knacken sind, gibt es immerhin Kuchen, vom einfachen Käsekuchen bis zur opulenten Torte. (Detlef Borchers) / (anw)