c't Fotografie 2/2017
S. 16
Street Photography
Aufmacherbild

Die KUNST der Street Photography

Die meisten Fotografen haben Hemmungen, eine Kamera auf fremde Menschen zu richten, ohne diese vorher um Erlaubnis zu fragen. Dabei sind es gerade diese nicht gestellten Szenen, die besonders authentisch wirken. Wie man sich überwindet und was das Wesen der Street Photography ausmacht, zeigt der Fotograf und Buchautor Torsten A. Hoffmann.

Moderne Spiegelreflexkameras mit aufgepflanztem Zoomobjektiv sind nicht nur unübersehbar, sie haben auch eine bedrohliche Wirkung auf die fotografierte Person: Richtet man so ausgerüstete Kameras auf fremde Menschen, wirken die Kameras wie ein Gewehr, denn die Geste hat etwas von „zielen“ und „schießen“. Nicht umsonst spricht man beim Fotografieren von einem gelungenen „Schuss“.

Dieses „Anlegen, Zielen, Auslösen“ ist aber ein wichtiger Bestandteil der Street Photography, der Amateuren oft besonders schwer fällt. Ihnen fehlt nicht nur die Übung, die natürliche Hemmschwelle zu überwinden. Ihnen fehlt obendrein auch die Erfahrung, um Situationen an unterschiedlichen Orten richtig einzuschätzen. Nur die Erfahrung lehrt, dass und wie Menschen in unterschiedlichen Kulturen, Großstädten und manchmal sogar Vierteln vollkommen unterschiedlich auf eine Kamera reagieren.

Die Basics der Street Photography

Street Photography bedeutet nicht, laute und spektakuläre Momente einzufangen, sondern eher das Gegenteil: banale Momente mit der Kamera zu erwischen, die die Alltäglichkeit des urbanen Geschehens verdeutlichen, und damit den Zeichenkosmos einer bestimmten Zeit (heute also dem Jahr 2017) bildhaft und für die Zeit typisch zu charakterisieren.

Was ist der Charakter des Genre Street Photography?

Die sogenannte Street Photography hat eine lange Tradition. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts begannen Fotografen sich von der inszenierenden und idealisierenden Kunstfotografie dem Leben „auf der Straße“ zuzuwenden. Dabei diente die Kamera quasi als objektives Analyseinstrument, um die Schattenseiten der beginnenden industriellen Moderne mit ihren dramatischen Umwälzungen zu dokumentieren. Der berühmte Lewis W. Hine zum Beispiel dokumentierte seit 1907 Kinderarbeit in den USA, sein Werk hat tatsächlich dazu beigetragen, dass Gesetze zu deren Eindämmung verabschiedet wurden.