c't Digitale Fotografie 1/2020
S. 164
c’t Fotografie Galerie
Aufmacherbild
Canon EOS 6D | 16 mm | ISO 100 | f/4.5 | 1/4000 s

Mit der Kamera in die Welt des Ichs

Fotografin Katja Gehrung ist sich selbst ihr bestes Modell – doch sie porträtiert sich nicht. Vielmehr verfremdet sich die Künstlerin mit illustrem Outfit unter freiem Himmel oder in tristen Räumen. Vor der Kamera schlüpft sie in verschiedene Rollen, um beispielsweise Konventionen zu hinterfragen oder auch ihre Betrachter zu schockieren.

Anfang Februar. Morgens, kurz nach sieben Uhr, sitze ich bereits am Schreibtisch. Draußen ist es dunkel und kalt. Minus 18 Grad, meldet der Wetterbericht. Ich höre kaum zu, muss meine To-do-Liste abarbeiten. An manchen Tagen reichen zwölf Stunden kaum für den Bürokram. Doch als die Sonne am wolkenlosen Himmel erscheint, kann ich nicht anders. Ich muss das Licht nutzen. Schnell Kamera und Stativ in den Rucksack, Badekappen und Kostüme in die Tasche. Vollbepackt laufe ich zum ebenso vollbepackten Auto. Mit Schaufensterpuppen, Schirm und Boot sieht mein Vehikel aus wie das eines Trödlers. Von dem stammen auch einige meiner Requisiten. Ich stopfe noch den Koffer vom Sperrmüll rein, kratze die Scheiben frei und fahre los. Mir ist kürzlich ein Feld mit vertrockneten Gräsern aufgefallen, zum glitzernden Schnee ein klasse Kontrast. Allerdings komme ich mit dem Auto nicht nah genug heran. Also schleppe ich meine Utensilien zu Fuß auf den Acker.

Das Bild im Kopf

Sich auf diese Weise selbst zu verewigen, hat nichts mit den sogenannten „Selfies“ zu tun. Statt sich das Handy vors Gesicht zu halten, muss man die Kamera auf dem Stativ justieren, den Bildausschnitt mitsamt Schärfepunkt festlegen und sich genau die Stelle merken, an der man in Position gehen will. Dort einfach nur herumzustehen, funktioniert in aller Regel jedoch nicht. Ganz abgesehen von den Requisiten sollte die Körperhaltung genauso zum Gesamtbild und zur Aussage passen wie Lichtverhältnisse und Farben. Bei Außenaufnahmen muss alles sehr zügig vor sich gehen, da nicht nur unerwartete Spaziergänger durchs Bild laufen könnten, sondern auch die Wolkenbildung sich ständig ändert. Am liebsten nutze ich Licht und Wolkenformen des Nachmittags. Inzwischen erstelle ich viele Aufnahmen sogar in unmittelbarer Nähe, weil ich entdeckt habe, dass fast jedem Ort ein „Zauber innewohnt“ – sogar dem bevölkerten Stadtpark.