c't Digitale Fotografie 3/2020
S. 88
Zorn macht kreativ
Aufmacherbild

Zorn

als kreative Kraft entfesseln

Die Todsünde Zorn weist uns nicht nur auf unsere Defizite hin. Sie hilft uns auch, unsere Fotografie weiterzuentwickeln und sorgfältig ausgetretene Pfade zu verlassen. Ob spielerisch oder systematisch: Es lohnt sich, Zorn als kreative Kraft zu ergründen.

Dort wo Leidenschaft ist, entstehen heftige Gefühle und nicht immer sind die positiv. Wer viel fotografiert, seine Bilder zeigt und veröffentlicht und sich dazu austauscht, wird früher oder später über sie stolpern oder schlimmstenfalls von ihnen aufgehalten werden.

Wir neiden anderen Erfolg, ihr Können oder Ausrüstung. Wir liegen am Sonntag auf der faulen Haut. Wir geben uns ausschweifenden Shopping-Touren hin, die unsere Fototaschen mit noch mehr – oft ungenutzten – Gegenständen (über-)füllen. Und wir werden wütend, wenn wir damit am Ende doch keine besseren Bilder machen. Was wiederum Anlass zu mehr Trägheit gibt. Es ist ein Teufelskreis. Wir können nicht aus unserer Haut und nehmen unsere Persönlichkeit mit all ihren Stärken und Schwächen auch mit in unser Hobby.

Dabei können wir uns ganz leicht aus diesem Dilemma befreien, wenn wir es uns bewusst machen. Jedes dieser eigentlich negativen Gefühle kann auch ein Antrieb sein. Wut und Zorn sind in ihrer Heftigkeit dabei besonders machtvolle Motoren, denn sie setzen viel Energie frei. Versuchen Sie mit mir, der Todsünde Zorn und ihrem Auftreten in der Fotografie auf die Schliche zu kommen. Wo zeigt sie sich, wo behindert sie uns und wo ist sie – Überraschung! – vielleicht auch eine Verbündete dabei, das Beste aus unserer Fotografie herauszuholen?

Sie wollen wissen, wie es weitergeht?

Zorn hat Energie

Zorn ist eine Gefühlsregung, die vermutlich jedem von uns schon einmal ins Gesicht geschrieben stand. Die Schläfenader pocht, Augenbrauen schieben sich zusammen, der Blick wird starr und bei manchen von uns schiebt sich der Unterkiefer nach vorne.

Gefühle wie Zorn, Wut, Groll oder Bitterkeit haben alle mit Aggressionen zu tun, die den meisten Menschen auf den ersten Blick vor allem destruktiv vorkommt und deshalb als unangenehm und unangemessen empfunden wird. Die katholische Kirche hat diesen Gefühlskomplex nicht umsonst in die Liste der Todsünden eingereiht.

Dieses scheinbar so negative Gefühl hat aber Potential, denn Aggression besitzt eine Menge Energie und die verschafft uns den nötigen Antrieb und den Impuls, Dinge zu bewegen. Setzt man die aus der Aggression geschöpfte Energie zur Lösung von Problemen und Konflikten ein – im Sinne von „das lasse ich mir nicht gefallen“, so kann man sie positiv sehen. Zorn ist eine Emotion, die Angst mindern und uns aus der Komfortzone treiben kann. Zorn ist die kreative Kraft unter den Todsünden.

Sie wollen wissen, wie es weitergeht?

Kampf zwischen Bauch und Kopf

Zorn und Wut sind – wie viele andere Gefühle – etwas, auf das wir wenig Einfluss haben. Dass das so ist, hat verschiedene Ursachen. Die wichtigste liegt in der Art und Weise, wie wir Dinge wahrnehmen. Der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman hat unseren kognitiven Apparat einmal in zwei Hälften eingeteilt: System 1 und System 2.

System 1 steht für unsere Sammlung an Erfahrungen und Gelerntem, Gefühlen und jahrelang erfolgten Konditionierungen. Manche würden es sehr vereinfacht unser „Bauchgefühl“ nennen. Dieser Teil unseres Wahrnehmungsapparats ist schnell – er reagiert ohne unseren Willen auf Input, bevor wir diesen bewusst verarbeiten können.

System 2 dagegen ist – stark vereinfacht ausgedrückt – so etwas wie der Sitz unserer Vernunft. Kahneman nennt es „das mit Bewusstsein begabte Wesen“. Hier erfolgt die Beurteilung einer Situation nach Regeln, hier werden Berechnungen angestellt und Dinge abgewogen.

Sie wollen wissen, wie es weitergeht?

Strategien, den Zorn zu nutzen

Vorgaben stellen für uns Grenzen dar, gegen die wir uns auflehnen wollen. Wenn wir sie nicht verschieben können, stellt sich in unserem Inneren ein gewisser Trotz ein und wir denken um die Ecke. Ganz nach dem Motto: „Das wäre doch gelacht, wenn ich mich davon behindern ließe!“ Wenn ich die Mauern und Zäune nicht einreißen kann, wie kann ich dann entweder drumherum arbeiten oder trotz der Einschränkung größtmögliche Vielfalt in meine Lösungsansätze bringen? In dieser Reaktion liegt die Ursache dafür, dass Einschränkungen uns anspornen. Wir wandeln Zorn in Eifer um – das ist zwar nicht ganz so schön, wie Stroh zu Gold zu spinnen, funktioniert aber wenigstens.

Das ganz kleine Besteck

Beschränkung und Vorgaben lassen sich mit ganz einfachen Mitteln erreichen. Sehr naheliegend – und auch eine tolle Übung endlich das eigene Equipment gründlich kennenzulernen – ist es, den dicken Fotorucksack zu Hause zu lassen. Limitieren Sie sich einfach für Ihren nächsten Fotoausflug in Ihren Möglichkeiten, in dem sie sich auf eine einzige Brennweite festlegen. Machen Sie ein Wochenende nur Bilder mit einem 50-Millimeter-Standardobjektiv oder mit einem 24-Millimeter-Weitwinkel. Verwenden Sie bewusst kein Zoomobjektiv, denn die Versuchung doch am Zoomring zu drehen, ist einfach zu groß. Bonuspunkte gibt es, wenn Sie eine oft vernachlässigte Linse auswählen.

Sie wollen wissen, wie es weitergeht?

Zorn erzählt Geschichten

Unter Schriftstellern gibt es eine alte Regel, die heißt „nicht reden – zeigen“. Für die schreibende Zunft bedeutet das, nicht nur darüber zu berichten, dass sie wütend, traurig oder glücklich sind. Es bedeutet, dass sie ins Detail gehen und ausführlich beschreiben sollen, wo das jeweilige Gefühl herkommt. Auf diese Art und Weise soll vor dem inneren Auge des Lesers ein Bild entstehen. Uns als Fotografen und Fotografinnen liegt das Zeigen natürlich unendlich viel näher. Eine weitere Möglichkeit, Zorn kreativ zu nutzen, liegt darin, die Geschichten der Dinge zu erzählen, die uns zornig machen.

Sie können sich Luft verschaffen, in dem Sie Emotionen in ein fotografisches Projekt kanalisieren. Zorn kann ein Anlass sein, eine Foto-Reportage über das anzulegen, was Ihnen am Herzen liegt: Vielleicht dokumentieren Sie ein Großprojekt in Ihrer Stadt, dass unnütze Gelder verschlingt oder begleiten eine politische Demonstration mit der Kamera. Was immer sie bewegt, lichten Sie es ab. Illustrieren Sie alles in konkreten Bildern.

Sobald Sie einen emotionale Zugang zu Ihrem Projekt haben, sollte es Ihnen keine Probleme bereiten, sich zu motivieren und Bilder einzufangen, die Ihre Gefühle widerspiegeln. An Motiven dürfte es Ihnen in dem Fall auch nicht mangeln.