c't Digitale Fotografie 4/2020
S. 26
Goldene Stunde
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Der Stelzenläufer wird vor der untergehenden Sonne zur Silhouette, während die Wasseroberfläche das Sonnenlicht spiegelt und das gesamte Motiv goldgelb färbt.Canon EOS 5DS R | 400 mm | ISO 100 | f/2.8 | 8000 s Canon EOS 5DS R | 400 mm | ISO 100 | f/2.8 | 8000 s

Goldene Stunde

DAS KREATIVE SPIEL MIT LICHT UND SCHATTEN

Keine Tageszeit hält mehr Lichtstimmungen und -farben bereit als die Goldene Stunde. Dabei ist gerade der richtige Umgang mit Licht und Schatten eine echte Herausforderung für jeden Fotografen. Nimmt man sie an, gelingen stimmungsvolle Aufnahmen mit ungewöhnlichen Effekten.

Der Abend beginnt und die Sonne neigt sich zum Horizont. Doch bevor sie verschwindet, flutet sie den Himmel mit warmem Licht und färbt ihn goldgelb bis orange. Es ist ihr Abschiedsgeschenk an den Tag. Wälder, Wiesen und Hügel baden in einer sanften Atmosphäre, gestreichelt von den Sonnenstrahlen, die alles sanft umhüllen. Pflanzen neigen ihre Köpfe und schließen ihre Blüten. Wildtiere wagen sich aus den Wäldern. Der Wind flaut ab. Seen spiegeln das goldene Licht und verwandeln es in kleine Glitzersterne. Die Goldene Stunde ist angebrochen.

Es ist das goldgelbe Licht, das dieser Zeit ihren Namen gibt. Dieses entsteht kurz vor und nach Sonnenunter- sowie kurz vor und nach Sonnenaufgang, wenn sich die Sonne zwischen sechs Grad unterhalb und sechs Grad oberhalb des Horizonts befindet. Je flacher der Winkel, umso größer die Entfernung, die das Licht durch die Erdatmosphäre zurücklegen muss. Nun muss man wissen, dass die Regenbogenfarben des Sonnenlichts eine unterschiedliche Wellenlänge haben. In der Goldenen Stunde erreichen uns nur die warmen Farbtöne, weil die kurze Wellenlänge der blauen Anteile früher gestreut wird.

Die Dauer der Goldenen Stunde hängt von Breitengrad und Jahreszeit ab. In Mitteleuropa währt sie ungefähr 60 Minuten. In der Nähe des Äquators ist sie deutlich kürzer im Norden hält diese Stimmung länger an. Innerhalb der Polarkreise stellt die Mitternachtssonne einen Extremfall dar, wenn zur Sommersonnenwende die Sonne nicht tiefer als 6 Grad unter den Horizont sinkt und die Goldene Stunde die ganze Nacht über währt.

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Steht der Fotograf vor der Sonne, betont der reduzierte Dynamikumfang die stimmungsvolle Abendatmosphäre.Canon EOS 5DS R | 105 mm | ISO 200 | f/11 | 1/200 s Canon EOS 5DS R | 105 mm | ISO 200 | f/11 | 1/200 s

Goldene Landschaften

Durch das flach einfallende Licht kurz vor Sonnenuntergang werfen die Motive besonders lange Schatten. Das verleiht Landschaftsaufnahmen viel Dynamik und gibt ihnen eine besondere Tiefe. Mit einem guten Bildaufbau können Sie diese Wirkung unterstreichen.

Technische Umsetzung

Für Landschaftsaufnahmen eignen sich Weitwinkelobjektive besonders gut, weil sie mit einem größeren Winkel aufnehmen als Normalobjektive und demzufolge mehr von der Landschaft abbilden. So entsteht der Eindruck von Weite. Dieser wird verstärkt durch die Tiefenstaffelung, welche entfernte Objekte überproportional verkleinert. Als Objektiv empfehle ich ein 16-35 mm- oder ein 24-70 mm-Objektiv. Um den Vordergrund maximal zu betonen, können Sie auch ein Superweitwinkelobjektiv mit 11 mm oder 12 mm Brennweite wählen.

Achten Sie darauf, dass Ihr Bild aus mehreren Ebenen besteht: einem schönen Vordergrund, dem Hintergrund und einem verbindenden Element. Das können Linien sein, wie eine Straße, ein Baumstamm oder ein Bach. Geschickt eingesetzt, ziehen diese Linien den Betrachter ins Bild und führen seinen Blick zum Hauptmotiv.

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Das erste Morgenlicht schmeichelt der Küchenschelle. Im Gegenlicht entstehen Lens Flares, die mit kleinen Lichtpunkten das Foto zum Funkeln bringen.Canon EOS 5DS R | 100 mm | ISO 100 | f/2.8 | 1/2300 s Canon EOS 5DS R | 100 mm | ISO 100 | f/2.8 | 1/2300 s

Pflanzenfotografie

Da Pflanzen vor der eigenen Haustür zu finden sind, müssen Sie nicht lange anreisen oder eine Fototour aufwendig planen. Wenn sich das Morgen- oder Abendlicht golden färbt und der Tau die Wiese zum Glitzern bringt, können Sie sofort zur Kamera greifen.

Technische Umsetzung

Für Nahaufnahmen von Pflanzen und Insekten empfehle ich ein Makro- oder Teleobjektiv, wie die Klassiker 70-200 mm oder 100-400 mm, oder auch längere Festbrennweiten wie ein 135/200/300/ 400/500 mm-Objektiv. Die Telebrennweite bringt zwei interessante Vorteile: Der Hintergrund wird zusammengestaucht und wirkt dadurch eben und homogen. Außerdem profitieren Sie vom Bildaufbau, wenn ein scharfes Motiv im Hintergrund aus dem Unschärfebereich im Vordergrund auftaucht. Wird eine Pflanze außerdem von hinten angestrahlt, leuchtet das gestreute Gegenlicht die Szene weich aus.

Um eine Pflanze mit ihren markanten Konturen vom Stängel bis zur Blüte abzubilden, sollten Sie eine bodennahe Position einnehmen. Besonders gut lässt die Pflanze sich freistellen, wenn sie ihr Umfeld überragt. Im Gegenlicht empfehle ich eine maximale Offenblende (niedrigster Blendenwert) und einen geringen ISO-Wert von 100 oder 200. Nun heißt es, einen windstillen Moment abzuwarten, bevor Sie abdrücken. Mein Tipp: Per LiveView (Bildschirmanzeige) können Sie exakter fokussieren und sehen genau, ob sich das Motiv im Wind bewegt. Zudem sind Menü- und Funktionsbuttons besser sichtbar. Testen Sie doch mal die Bracketing-Funktion, mit der die drei verschiedenen Aufnahmen eine hellere, eine dunklere und eine normal belichtete häufig interessante Ergebnisse liefern.

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Diese kleinen Polarfüchse sind vor dem dunklen Hintergrund als Lichtsaum abgebildet, weil die Sonne im Gegenlicht durch das Fell scheint und so ihre Konturen goldfarben nachzeichnet.Canon EOS 1DX Mark II + Canon Extender 1,4x III | 400 mm | ISO 100 | f/5.6 | 1/2000 s Canon EOS 1DX Mark II + Canon Extender 1,4x III | 400 mm | ISO 100 | f/5.6 | 1/2000 s

Tierfotografie

Viele Tierarten sind in der Dämmerung besonders aktiv und deshalb leichter anzutreffen. Als Natur- und Tierfotograf bevorzuge ich die Abendstunden aber auch wegen der imposanten Lichtstimmungen, die mir bei Einsatz verschiedener Techniken eine Menge unterschiedlichster Motive garantieren.

Technische Umsetzung

Fotografiert man Tiere im Gegenlicht, kann man sie als Silhouette oder mit einem Lichtsaum abbilden. Die Herangehensweise ist zunächst gleich: Habe ich ein Tier entdeckt, pirsche ich mich vorsichtig heran. Wird das Tier direkt vom Abendlicht angestrahlt, ist es nicht so leicht, unbemerkt um ein Tier herumzuschleichen. Bessere Chancen hat man, wenn man von vornherein nach Tieren im Gegenlicht Ausschau hält.

Zunächst überlege ich, ob das Tier als Silhouette in seiner typischen Form zu erkennen ist. Die Konturen eines Hirsches oder eines Vogels sind plakativ und eindeutig, wohingegen eine Eidechse auf einem Stein als Scherenschnitt als solche vermutlich nicht erkannt wird. Manchmal steht das Tier auch zusammengekauert oder in einem ungünstigen Winkel. Dann ist Geduld angesagt. Besonders schön ist es, wenn nicht nur der Kopf mit dem Oberkörper, sondern auch die Beine zu erkennen sind.