c't 12/2016
S. 92
Hintergrund
Chatbots
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Chatbot, mach mal!

Messenger als neue Anwendungsplattformen

Dialogprogramme sollen Messenger zu neuen Ökosystemen aufwerten. Egal ob Shopping, News-Abruf oder andere Dienstleistungen: Alles soll man zukünftig ohne Medienbruch im Chat-Programm erledigen können – ohne zusätzliche App, ohne Gefrickel im Browser.

Facebook-Chat, 16 Uhr. Kai: „Schon vom neuen X-Men-Film gehört?“ Paul: „Ja, soll ganz cool sein. Wollen wir da heute reingehen?“

Kai: „Ja, gerne. @kinobot: Wann und wo läuft heute der neue X-Men-Film?“

kinobot: „X-Men: Apocalypse läuft heute im Filmpalast um 20 Uhr und um 22.30 Uhr.“

Kai: „Gibt es für 22.30 noch Tickets?“

kinobot: „Anbei eine Übersicht der freien Sitzplätze.“

Kai: „Dann hätte ich gerne die Plätze 22 und 23 in der Reihe F.“

kinobot: „Ich habe die gewünschten Plätze gebucht. Der Betrag von 17 Euro wurde von Ihrer hinterlegten Kreditkarte abgebucht. Die Tickets liegen anbei.“

So oder so ähnlich soll es nach den Vorstellungen von Facebook-Chef Mark Zuckerberg in Zukunft ablaufen, wenn sich Menschen zum gemeinsamen Filmegucken verabreden und die Tickets buchen: komplett im Messenger.

Auch zum Shoppen, um News zu lesen oder um Firmen-Support in Anspruch zu nehmen, soll man den Messenger nicht mehr verlassen: die Quassel-App als universelle Dienstleistungs-Plattform. Im April stellte Zuckerberg auf der Entwicklerkonferenz F8 eine Reihe von Programmierschnittstellen vor, mit denen Unternehmen Chatbots für Facebook Messenger bauen können – die Grundlage für solche Dienste.

Schuhe kaufen in einer Chat-App? Das scheint auf den ersten Blick weit hergeholt. Dabei steht es außer Frage, dass Messenger als Plattformen für Dienstleistungen aller Art funktionieren. Der chinesische Provider Tencent macht es vor: Mit seiner WeChat-App können Anwender nicht nur miteinander chatten, sondern auch News lesen, sich in einer Art sozialem Netzwerk präsentieren – und shoppen: der Messenger als Allzweck-Client. Chatbots spielen bei WeChat keine allzu große Rolle – Inhalte bereitet die App eher Browser-artig auf. Das mag aber auch mit der Besonderheit zusammenhängen, dass WeChat in China schon eine Art Ersatz-Internet ist.

Im Rest der Welt versuchen die Messenger-Hersteller, ihre Anwender bei den Nutzungsmustern abzuholen, die in den Messengern üblich sind: Dialogen. Facebook ist hier bei Weitem nicht der einzige Anbieter. Microsoft etwa hat Skype für die Bots von Drittanbietern geöffnet und will auch seinen Assistenten Cortana in Skype integrieren. Bei Twitter sind ebenfalls viele Bots anzutreffen.

Telegram enthält schon seit dem letzten Jahr eine Chatbot-Plattform. Bei dem eher in der betrieblichen Kommunikation verbreiteten Messenger Slack gehören Bots zum Standardinventar. Die beiden Anbieter Kik und Line haben kurz vor Facebooks Ankündigung ebenfalls eigene Bot-Plattformen an den Start gebracht. Und auch Google baut an einer eigenen Chatbot-Plattform – siehe Seite 28.

Kinderkrankheiten

In den Medien kommen Chatbots derzeit nicht so gut weg. Das hat damit zu tun, dass es einfach noch nicht viele gibt – und die wenigen verfügbaren zudem auch oft noch nicht besonders gut funktionieren. Facebook etwa konnte zum Start seiner Messenger-Plattform gerade einmal eine Hand voll Bots vorführen – die nicht wirklich überzeugten. Ein Wetter-Bot namens Poncho etwa versteht auch heute noch nicht viele Fragen – mit „is it going to rain“ etwa kann er nichts anfangen. Da ist man von Assistenten wie Siri mehr Sprachfertigkeit gewöhnt.

Microsoft musste Experimente mit einem Twitter-Bot namens Tay schnell wieder abbrechen. Die Software sollte eine junge Frau darstellen, die sich mit anderen, vor allem jungen Usern austauscht. Im Dialog mit anderen Twitterern entwickelte sich Tay allerdings binnen Stunden zu einem rassistischen, antisemitischen Monster, das Hitler, Drogenmissbrauch und Inzest unterstützte.

Nichtsdestotrotz können Chatbots auch heute schon viele nützliche Dinge erledigen (siehe auch den Artikel auf Seite 96): So kann man sich mit den Bots von CNN und Techcrunch auf Facebooks Messenger-Plattform eine individuell zugeschnittene Nachrichtenauswahl präsentieren lassen.

Telegram gibt auf seiner Homepage einen guten Überblick über seine Bots.

Der NetflixBot auf Telegram informiert über neue Filme und Episoden. Der Kik Messenger wartet mit einigen unterhaltsamen Textadventures auf. Und bei Slack greifen dem Benutzer Dutzende nützlicher Bots unter die Arme. Die Fluglinie KLM sendet den Boarding-Pass oder Informationen über etwaige Flugverspätungen per Bot auf den Facebook Messenger.

Hello, I’m Eliza

Programme, die mit Menschen sprechen, sind alles andere als neu. Als erster Chatbot gilt Eliza. Der Informatiker Joseph Weizenbaum wollte damit die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Menschen und Computern aufzeigen. In seiner bekanntesten Form simuliert das bereits 1966 vorgestellte Programm einen Psychotherapeuten. „Dialoge“ bestanden darin, dass Eliza Sätze seines Gegenübers mit seinem Thesaurus abglich, einen passenden zweiten Begriff dazu suchte und diesen in eine Standardphrase einbaute. Trotz dieser simplen Funktionsweise waren Gesprächspartner zu einem großen Teil überzeugt, dass Eliza ein tatsächliches Verständnis für ihre Probleme aufbrachte.

Chatbots, auch Chatterbots genannt, haben seither ihren Platz in der IT-Welt gefunden – allerdings bisher eher in der Nische. Einige Firmen benutzen Chatbots zum Beispiel für die Kundenansprache und den Support auf ihren Homepages. Die deutsche Post etwa unterhält auf ihrer Homepage eine virtuelle Assistentin namens Jana, die Fragen zu E-Post beantwortet. Solche Assistenten können in aller Regel aber nur Fragen zu einem bestimmten Themenbereich beantworten – nicht mehr. Insbesondere nehmen sie keine Aufträge für Dienstleistungen entgegen.

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