c't 12/2016
S. 3
Editorial
Martin Fischer

Freiheit für Dämonen

3DM, Codex, CPY, Reloaded oder Skidrow: Diese Bezeichnungen stehen für einige der bekanntesten Release Groups – anonyme Teams, die den Kopierschutz von Spielen aushebeln. Denen geht es üblicherweise nicht um schnöden Mammon, sondern um Ruhm in der Szene. Das Ziel: die neuesten Spiele knacken und als Erster ins Netz laden – idealerweise sogar noch vor dem eigentlichen Verkaufsstart. Man könnte sagen, Release Groups sind die Rockstars der digitalen Unterwelt.

Nichts und niemand konnte die Cracker aufhalten – seit Jahrzehnten. Auch die vermeintlich sichersten Kopierschutzverfahren wurden binnen weniger Tage oder gar Stunden ausgehebelt und die Vollversionen teurer Spiele landeten auf FTP-Servern, in Torrent-Netzwerken oder auf One-Click-Hostern. Auch Spiele von den DRM-Plattformen Steam, Origin oder Uplay waren ruckzuck kostenlos im Netz, manchmal sogar noch spielbarer als zuvor, da vom lästigen Always-On-Zwang befreit. Manche Hersteller haben vor den Release Groups bereits kapituliert und verzichten ganz auf Kopierschutz.

Von den gecrackten Vollversionen leben wiederum viele Betreiber öffentlich zugänglicher Downloadseiten, die Links anbieten und deren Umgebung mit gefährlicher Werbung zukleistern. Die Nutzer stört das wenig, sie gieren nach der Software, die sie über spezielle Download-Programme terabyteweise auf die Festplatte saugen. Man könnte sagen, diese Communities sind die Schulhöfe des digitalen Tauschhandels.

Doch dann kam Denuvo.

Die aktuelle Version des Software-Schutzschildes bringt selbst die besten Cracker zur Verzweiflung. Immer mehr Top-Titel sind deswegen noch ungeknackt. Just Cause 3. Rise of the Tomb Raider. Das ist für die nach Ruhm gierenden Release-Groups schon schlimm genug – jede will Denuvo endlich aushebeln und Fame farmen. Doch nun ist ausgerechnet die Neuauflage des ursprünglich wohl meistgetauschten Ego-Shooters Doom Denuvo-geschützt. Und ausgerechnet ist das neue Doom einer der besten klassischen Ego-Shooter der letzten zehn Jahre.

Heute hat die Szene ein Problem – künftig aber womöglich der ehrliche Käufer. Hält Denuvo tatsächlich allen Angriffen stand, werden kopierschutzfreie Top-Spiele vom Schlage eines The Witcher 3 möglicherweise verschwinden. Und wer kann das schon wollen?

Unterschrift Martin Fischer Martin Fischer

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