c't 13/2016
S. 3
Editorial
Jürgen Schmidt

Spieglein, Spieglein ...

Messenger gibt es wie Sand am Meer - und außer vielleicht Snapchat bieten die meisten bestenfalls mehr vom Gleichen. Doch Google Allo ist anders.

Es juckt mich ja schon in den Fingern. Ich bin chronisch tippfaul; da käme ein intelligenter Chat-Butler, der mir passende Antworten vorformuliert, sehr gelegen. Und wenn die Antworten dank künstlicher Intelligenz tatsächlich in meinem persönlichen Stil formuliert sind, dann könnte sich das als Killer-Feature erweisen.

Klar, die KI muss mitlesen, und das geht nur ohne Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Aber was hab ich schon zu verbergen? Ist das, was ich chatte, für irgendjemand von großem Nutzen? Oder andersherum: Was schadet es mir denn, wenn Google da mitliest und mir passend zu den eben geäußerten Urlaubsplänen Werbung für Flugreisen einblendet?

Wer so denkt, unterschätzt die Möglichkeiten der vorgestellten Technik. Wenn eine KI die private Kommunikation der Nutzer kontinuierlich auswertet, könnte Google zum Beispiel einer Kosmetikfirma ein verlockendes Angebot unterbreiten: "Wir platzieren eure Anzeigen ganz gezielt so, dass sie auf unsichere Teenager treffen, die sich gerade besonders hässlich fühlen." Konkret würde Google dann unsichere Mädchen und pickelige Jungs mit Kosmetik-Werbung bombardieren, bei denen die KI akuten Frust diagnostiziert - etwa weil gerade via Allo ein Date abgesagt wurde oder die Big-Data-Auswertung der Chats Stimmungsschwankungen im Biorhythmus vermutet.

Nicht nur im Chat, sondern auch auf YouTube, auf allen Webseiten, in werbefinanzierten Handy-Apps und im Android TV prasseln dann Anzeigen mit extra-schönen Menschen auf die ohnehin mit sich Unzufriedenen ein. Die Konsumenten genau dann zu penetrieren, wenn sie ihre Deckung fallen lassen - das wäre garantiert der Mega-Renner in der Werbebranche. Und in völliger Übereinstimmung mit Googles Nutzungsbedingungen. Oder glauben Sie, dass uns Googles "Sei nicht böse"-Gewissen davor schützt?

Wollen wir wirklich den Mega-Konzernen unsere verwundbarsten Momente auf dem Silbertablett präsentieren? Mich schaudert es bei diesem Gedanken. Ich werde meine Chat-Nachrichten weiter selber tippen und Plattformen mit konsequentem Ende-zu-Ende-Schutz den Vorzug geben.

Unterschrift Jürgen Schmidt Jürgen Schmidt

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