c't 21/2016
S. 82
Kaufberatung
Billig gegen teuer
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Billig gegen teuer

Internet-Schnäppchen gegen etablierte Markenware

Im Netz wimmelt es nur so vor auffallend billiger Technik, zum Teil kommt sie versandkostenfrei direkt aus China. Wir wollten wissen, was dahinter steckt und haben eingekauft: Smartphones, Tablets, Bluetooth-Lautsprecher, Action-Cams, Saugroboter und vieles mehr. Wie schlägt sich die Billigware im direkten Vergleich zu populären Markengeräten, die oft ein Vielfaches kosten?

Herzlich Willkommen zu unserem Experiment „Billig gegen teuer“! Die c’t-Redaktion ging in den vergangenen Wochen auf Einkaufstour und hat verdächtig günstige Technik bestellt: einen Bluetooth-Lautsprecher für 20 Euro, ein High-End-Smartphone für 300 Euro, einen angeblichen MacBook-Air-Killer für 540 Euro, In-Ear-Kopfhörer für eine Handvoll Euro und vieles mehr.

Video: Nachgehakt

Wir wollten wissen, wie viel Technik man für kleines Geld bekommt. Und nicht zuletzt: Wie schlägt sie sich im direkten Vergleich zu den teuren Markengeräten? Dazu ließen wir jeweils ein vielversprechendes Gerät der untersten Preiskategorie gegen ein hochpreisiges Produkt eines namhaften Herstellers antreten und erlebten dabei zahlreiche Überraschungen – positive wie negative.

So musste sich etwa das hierzulande weitgehend unbekannte High-End-Smartphone LeEco Le 2 gegen den Topseller Samsung Galaxy S7 behaupten. Die nur 12 Euro teuren Rock-Kopfhörer traten gegen Beats-Kopfhörer für 75 Euro an. Und der China-Saugroboter für 200 Euro putzte mit dem Vorwerk Kobold VR200 für 750 Euro um die Wette.

Auf den ersten Blick sind das Äpfel und Birnen, auf den zweiten Blick versprechen die Anbieter der Billig-Technik aber oft nicht weniger als die Hersteller der hochpreisigen Geräte. Die deutlich günstigeren Smartphones sind zum Beispiel in einigen Punkten besser ausgestattet und bei Kopfhörern und Bluetooth-Speakern kommt es ohnehin vor allem auf den Klang an. Zum Teil stammt die günstige Konkurrenz sogar aus dem eigenen Haus: Lohnt es sich, 350 Euro für einen E-Book-Reader auszugeben, wenn der gleiche Hersteller auch Modelle ab 70 Euro anbietet?

Bei der Auswahl der Kontrahenten berücksichtigten wir nicht nur Produkte, die man bei Händlern in Deutschland kaufen kann, sondern auch irrwitzige Preisbrecher, die wir in chinesischen Online-Shops entdeckten. Wer zum niedrigsten Kurs bestellen möchte, kommt an diesen Shops kaum vorbei.

Shopping in China

Best Bang For Your Buck: China-Shops wie Banggood.com liefern günstige und exotische Technik versandkostenfrei nach Deutschland.

Die Händler aus China haben sich längst auf Schnäppchenjäger aus dem Ausland eingestellt und liefern ihre Waren routinemäßig ans andere Ende der Welt – oft sogar portofrei. Bekannte Vertreter sind zum Beispiel Banggood.com, DealExtreme.com oder GearBest.com. Es ist nicht leicht, sich einen Überblick zu verschaffen, da die Schaufenster der asiatischen Shops gefühlt kein Ende nehmen. Eine gute Inspirationsquelle sind spezialisierte Blogs wie China-Gadgets.de und Gadgetwelt.de, die laufend nützliche und skurrile Dinge aus Fernost vorstellen. ChinaHandys.net präsentiert Smartphones aus Asien. Auch die Nutzerbewertungen in den Shops sind bei der Auswahl hilfreich, allerdings sollte man diesen – wie im hiesigen Online-Handel auch – nicht uneingeschränkt vertrauen. Ein praktisches Werkzeug ist die Preissuchmaschine PandaCheck.com. Sie indexiert die Auslagen vieler China-Shops und macht sie komfortabel durchsuch- und vergleichbar.

Das Sparpotenzial der Angebote aus Asien ist verlockend, allerdings sollte man auch etwas Geduld und Risikofreude mitbringen: Wer sich für den Gratis-Versand aus Fernost entscheidet, muss mitunter mehrere Wochen auf die Zustellung warten. Und zwischen Bestellung und Lieferung steht immer noch der deutsche Zoll, der ab einem Rechnungsbetrag von 22 Euro die Hand aufhält, wenn die Lieferung kontrolliert wird. In der Praxis liegt die Grenze Berichten zufolge bei rund 26 Euro, da Abgaben unter fünf Euro nicht erhoben werden. Bei einigen Shops kann man das Risiko reduzieren, dass die Ware verzollt werden muss: Sie haben Logistikpartner und Lager innerhalb der EU. Das kostet oft ein paar Euro mehr. Je nach Produkt kann man aber auch dann noch ein Schnäppchen machen, wenn man die Einfuhrumsatzsteuer in Höhe von 19 Prozent plus Zoll (siehe c’t-Link) einkalkuliert. Einige Kunden spekulieren offenbar darauf, dass sie davon verschont bleiben – begünstigt durch das zweifelhafte Vorgehen mancher Shops, hochpreisige Waren als Geschenk mit einem geringen Wert zu deklarieren. Dieser Trick hat sich natürlich auch bei den Zollämtern herumgesprochen.

Spaßbremse CE-Zeichen

Das an vielen Geräten angebrachte CE-Zeichen spielt im Alltag der meisten Menschen keine Rolle. Das ändert sich jedoch schlagartig bei einem Technikimport aus dem Nicht-EU-Ausland: Laut EU-Verordnung müssen viele Waren wie Elektrogeräte, die in der EU in Umlauf gebracht werden, ein CE-Zeichen tragen. Es signalisiert, dass der Hersteller oder Verkäufer die Verantwortung dafür trägt, dass sein Produkt den EU-Gemeinschaftsvorschriften entspricht. Fehlt es, darf der Zoll die Lieferung bei einer Kontrolle nicht an den Empfänger aushändigen – das Gerät geht wahlweise an den Absender zurück oder wird vernichtet.

Dabei handelt es sich nicht nur um ein theoretisches Szenario, wie wir selbst erfahren mussten: Das von uns in Asien bestellte Xiaomi Notebook Air hat es nicht durch den Zoll geschafft (siehe S. 102). Unser Staubsaugerroboter ist hingegen trotz zollamtlicher Behandlung bei uns eingetroffen, obwohl er kein CE-Zeichen trägt. In den China-Shops ist in aller Regel nicht erkennbar, ob ein Gerät mit einem CE-Zeichen ausgestattet ist. Wer auf Nummer sicher gehen will, fragt vor der Bestellung den Händler oder recherchiert im Netz.

Billig kaufen in Deutschland

Wer sich den potenziellen Ärger mit dem Zoll sparen möchte und einen greifbaren Ansprechpartner in Deutschland wünscht, kann auch hierzulande Technik-Schnäppchen schießen: Viele Produkte der China-Shops finden sich auch bei Amazon, Ebay & Co. Vor dem Kauf sollte man allerdings sicherstellen, dass sich der Artikel tatsächlich bereits in Deutschland befindet, da sich auch auf den genannten Marktplätzen Verkäufer aus dem Ausland tummeln. Bei Amazon erfährt man erst, mit wem man es zu tun hat, wenn man auf der Angebotsseite auf den Händlernamen und „Detaillierte Verkäuferinformationen“ klickt. Bei Ebay wählt man als Artikelstandort „Deutschland“.

Auch auf Pearl.de erkennt man einige China-Schnäppchen wieder, wenn man Aussehen und technische Daten vergleicht. Das Unternehmen verkauft die Produkte unter eigenen Marken mit deutscher Anleitung, Support und ohne Zoll-Stress. Wer darauf Wert legt und bereit ist, dafür ein paar Euro zu zahlen, kann auch hier Technikperlen zum fairen Kurs heben. Wir haben dort unsere 4K-Action-Cam mit viel Zubehör geschossen.

Bei manchen Produktkategorien stellt sich die Frage gar nicht, bei einem Schnäppchen-Händler zu bestellen. So gibt es keine oder wenige interessante Alternativen zu E-Book-Readern, Druckern oder Smart-TVs, die ohnehin direkt von Amazon, MediaMarkt & Co. verkauft werden. Hier wählten wir Geräte, die uns verdächtig billig erschienen – etwa einen Multifunktionsdrucker für rund 50 Euro – und ließen sie gegen die höherpreisigen Geräte antreten.

Gut und günstig – und giftig?

In China bestellte In-Ear-Kopfhörer für rund 12 Euro mussten sich gegen Beats-Stöpsel behaupten, die bis zu 100 Euro kosten.

Wir griffen stichprobenartig Produkte heraus, die viel Hautkontakt haben und ließen diese in einem Labor auf schädliche Stoffe untersuchen. Wir haben das Armband des Fitness-Trackers von Xiaomi sowie die Ohrpolster der günstigen In-Ear-Kopfhörer von Rock untersuchen lassen. Zudem sandten wir die Ohrpolster der teuren Beats-Kopfhörer ein. Das Ergebnis ist beruhigend: Alle Produkte unterschritten die Grenzwerte bei sämtlichen Untersuchungen. Das Labor hat die Proben auf Cadmium, PAK, Phthalate und SCCP untersucht.

Billig kann sich lohnen …

Wer weiß, worauf er sich einlässt, kann mit den billigen Alternativen, die wir auf den folgenden Seiten vorstellen, zum Teil enorm viel Geld sparen. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass man von den Anbietern der Billigtechnik selten in Watte gepackt wird: Dinge wie ein übersetztes Handbuch, eine Service-Infrastruktur in Deutschland und eine lange Produktpflege kosten Geld, das häufig gespart wird. In manchen Kategorien muss man auch diesbezüglich keine Abstriche machen: Die gegenübergestellten Geräte stammen aus gleichem Hause und unterscheiden sich nur durch ihre Ausstattung. So, nun aber genug der Vorrede. Das Duell „Billig gegen teuer“ beginnt … (rei@ct.de)

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