c't 6/2017
S. 16
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Frühjahrskollektion

Neue Smartphones von Sony, LG, BlackBerry & Co.

Mit teurem Schnickschnack und soliden Mittelklasse-Modellen stemmen sich die Hersteller gegen den Abwärtstrend des Smartphone-Marktes. Gleichzeitig überraschen totgesagte Marken wie Nokia und BlackBerry mit Nischengeräten. Sogar von Windows Phone gibt es noch Lebenszeichen.

Die ernüchternde Nachricht kam kurz vor der großen Branchenparty, dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona: 2016 wurden in Deutschland zum ersten Mal weniger Smartphones verkauft als im Vorjahr, meldeten Marktforscher. Die Stückzahl ging um 8 Prozent zurück, der Umsatz um 3 Prozent. Offenbar lassen sich die Kunden nicht mehr von mehr CPU-Kernen und mehr Pixeln beeindrucken – weil die bisherigen Modelle ihnen schon schnell und scharf genug sind.

Der MWC zeigte nun, wie die Branche auf diese Zwickmühle reagiert: Ingenieure und Designer dürfen auch wilde Ideen umsetzen. Neue High-End-Phones haben zum Beispiel eine Hardware-Tastatur (BlackBerry), eine Zeitlupen-Kamera (Sony) oder ein Display im schmalen 18:9- statt im gewohnten 16:9-Format (LG). Die Geräte unterscheiden sich also endlich wieder stärker voneinander.

High-End-Phones mit drei Kameras

Das Funktions-Wettrüsten gewann auf dem MWC Sony: Das neue Xperia XZ Premium hat ein extrem leuchtstarkes 5,5-Zoll-Display mit voller 4K-Auflösung (3840 × 2160) und „dynamischer Kontrastverstärkung“, die für hohen Dynamikumfang und Farbtiefe sorgen soll. Wie das genau funktioniert, ließ Sony offen. Ein Smartphone mit 4K-Display brachte Sony schon vor anderthalb Jahren, aber dieses Mal dürften dank der neuen High-End-CPU Snapdragon 835 mehr Inhalte auch wirklich in 4K angezeigt werden.

Weiteres Highlight des Gerätes ist die Kamera mit Zeitlupenfunktion. Sie dreht bis zu 5 Sekunden lange Videos mit bis zu 960 Bildern pro Sekunde. Bei Fotos sollen kürzere Belichtungszeiten möglich sein als bisher, da die Sensorpixel größer sind und mehr Licht aufnehmen. Auch bei der restlichen Hardware-Ausstattung bleiben keine Wünsche offen: Geladen wird über USB-Typ-C, Daten fließen mit USB-3.1-Geschwindigkeit – die meisten Konkurrenten nutzen noch USB 2.0. Das Gehäuse ist vor Staub und Wasser geschützt. Als UVP gibt Sony 750 Euro an.

Video: Sony Xperia XZ Premium
Vollgestopft mit High-End-Technik, zum Beispiel einer Zeitlupen-Kamera: Sony Xperia XZ Premium.

Das Xperia XZs für 650 Euro besitzt ebenfalls die Zeitlupenkamera. Das Display misst „nur“ 5,2 Zoll, zeigt Full-HD-Auflösung und soll ebenfalls 600 cd/m² hell sein.

Zum Kasten: Mehr Mitte

Der chinesische Konzern Huawei hält mit dem P10 und P10 Plus dagegen. In den Modellen stecken je drei Kameras, die gemeinsam mit Leica entwickelt wurden: auf der Vorderseite eine Selfie-Kamera mit 8 MPixel, auf der Rückseite eine 12-MPixel-Kamera sowie eine 20-MPixel-Schwarzweißkamera. Dank der Kombination der beiden Rück-Kameras soll man ohne Qualitätsverlust zoomen können; beim Vorgänger P9 klappt das ganz gut.

In beiden Geräten rechnet der Achtkern-Prozessor Kirin 960 aus Huaweis Chipschmiede HiSilicon. Laut Hersteller soll seine Leistung sogar die des Qualcomm-Topmodells Snapdragon 835 übertreffen. Wahrscheinlich trifft das aber nur auf die Multi-Core-Performance zu. Wann Huaweis neues Spitzen-Duo auf den Markt kommt, ist noch nicht bekannt; die Preise dürften bei 600 (P10) beziehungsweise 750 Euro (P10 Plus) liegen.

Video: Huawei P10
Video: LG G6
Das LG G6 hat ein Display im 18:9-Format statt dem üblichen 16:9.

Das LG G6 hat zwei Rückkameras: Beide liefern 13 MPixel, eine schießt Weitwinkelaufnahmen. Auffällig ist das Display im 18:9-Format. Da der Display-Rand ebenfalls schmal ausfällt, soll das Gerät trotz der Displaygröße von 5,7 Zoll handlich bleiben. Laut LG beherrscht die Anzeige HDR 10 und Dolby Vision, hat also einen hohen Dynamikumfang und satte Farben. Der Fingerabdrucksensor befindet sich traditionsgemäß auf der Rückseite. Der Gehäuserahmen besteht aus Metall, die Rückseite aus Glas. Das Gehäuse ist staub- und wassergeschützt. Als Prozessor dient der etwas ältere, aber rasend schnelle Snapdragon 821.

Solide Mittelklasse

Die Moto-G-Modelle von Motorola beziehungsweise Neu-Eigentümer Lenovo gelten als Preis/Leistungs-Meister. Die Neuauflagen Moto G5 und Moto G5 Plus sollen diesen Ruf verteidigen: Das G5 kostet nur 200 Euro, kommt aber mit Fingerabdrucksensor, 5-Zoll-Full-HD-Display, 16 GByte Speicher, Speicherkarten-Slot und Wechsel-Akku. Das G5 Plus bietet für voraussichtlich 300 Euro eine schnellere CPU, einen größeren Akku und ein 5,2-Zoll-Display. Wie gewohnt sieht die Oberfläche fast genau so aus wie bei Googles Referenzgeräten. Beide haben ein Metallgehäuse, anders als ihre Vorgänger.

Das Lenovo Moto G5 kostet nur 200 Euro, steckt aber im Metallkleid.

Auch Sony mischt in der Mittelklasse mit: Das Xperia XA1 Ultra ist ein 6-Zoll-Phablet mit Full HD, MediaTek-Prozessor und 4 GByte RAM für 400 Euro; das Xperia XA1 ist ein 5-Zöller mit derselben CPU und 3 GByte RAM für 300 Euro. Wie auf den High-End-Geräten läuft auch auf den günstigen Modellen Android 7.0 oder 7.1.

Comebacks von BlackBerry und Nokia

Wie sehr Nutzer nach Abwechslung gieren, zeigte sich bei der Vorstellung des BlackBerry KeyOne: Das Smartphone im Retro-Look erzeugte mehr Trubel als die Spitzen-Smartphones von Sony & Co. Das vom neuen Markeneigentümer TCL in China entwickelte Gerät ist das einzige aktuelle Modell mit Hardware-Tastatur unter dem Display, spricht also auch die Fans der Klassiker von BlackBerry an.

Ansonsten ist die Technik auf dem aktuellen Stand: Android 7.1, Qualcomm Snapdragon 625, QuickCarge 3.0, USB-Typ-C mit USB-3.1. Außerdem verspricht TCL monatliche Sicherheitsupdates. BlackBerrys Messaging- und Sicherheits-Software ist installiert. Ab April soll das Smartphone für 600 Euro erhältlich sein.

Video: Nokia 3310
Der BlackBerry KeyOne kombiniert Android mit einer Hardware-Tastatur.
HMD Global legt das Nokia 3310 neu auf – inklusive Snake.
Das Nokia 6 von HMD mit Android und Metallgehäuse kostet 230 Euro.

Wenn es so etwas wie ein Kult-Handy gibt, dann hat BlackBerry allerdings keine Chance gegen das Nokia 3310 aus dem Jahr 2000. Genau das legt HMD Global, Käufer der Mobiltelefonsparte der Finnen, neu auf – nicht als Smartphone, sondern nur behutsam modernisiert. An Bord sind ein 2,4-Zoll-Display, eine 2-MPixel-Kamera, MicroSD, zwei SIM-Slots und Nokias Series-30-Betriebssystem samt Snake-Spiel. Der interne Speicher fasst nostalgische 16 MByte. Mehr als das GSM-Netz (2G) wird nicht unterstützt. Der Akku soll im Standby-Modus einen Monat durchhalten. Ab dem zweiten Quartal soll es für rund 50 Euro erhältlich sein. Außerdem zeigte HMD Einsteiger- und Mittelklasse-Smartphones unter der Marke Nokia mit Standard-Android-Oberfläche und dem Versprechen schneller Updates: Das Nokia 3 für 140 Euro, das Nokia 5 für 190 Euro und das Nokia 6 für 230 Euro.

Windows Phone

Auch von Windows Phone gibt es ein Lebenszeichen: Ab Juni soll das gut ausgestattete Alcatel Idol 4 Pro in Deutschland erhältlich sein. Für 600 Euro bekommt der Kunde ein Smartphone mit dem Oberklasse-Prozessor Snapdragon 820, 4 GByte RAM und einem 5,5-Zoll-Display mit Full-HD-Auflösung. Auf dem Gerät läuft Windows 10 Mobile mit Continuum. Der Markt für Windows Phones ist übersichtlicher geworden, seit sich Microsoft aus der Massenproduktion zurückgezogen hat und selbst keine Lumias mehr verkauft.

Tabelle
Tabelle: Smartphone-Neuvorstellungen

Google kündigte derweil an, seinen „Assistenten“ per Software-Update auf alle „geeigneten“ Smartphones mit Android 6.0 oder jünger zu bringen, sogar in einer deutschsprachigen Variante. Welche Modelle „geeignet“ sind, ließ das Unternehmen offen – die Neuvorstellungen vom MWC dürften aber größtenteils dazugehören. Wie Amazons Alexa, Apples Siri und Microsofts Cortana versucht der Google-Assistent, Fragen nach dem Wetter, Verkehr, Terminen und Allgemeinwissen zu beantworten und dem Nutzer so lästige Display-Wischerei abzunehmen. (cwo@ct.de)

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