c't 10/2017
S. 3
Editorial
Georg Schnurer

Leben in der Ecke

Wann immer meine Kollegen aus den naheliegenden Dörfern mit glänzenden Augen von ihrem nagelneuen und rasend schnellen Internetzugang schwärmen, ziehe ich mich leise grummelnd in eine Ecke zurück. Ich lebe nämlich in einer sogenannten Großstadt, also in Hannover, nicht weit vom Zentrum entfernt. Da, so hört man landläufig, habe man nicht nur blitzschnelles Internet, sondern auch noch freie Auswahl bei den Netzanbietern: Ganz nach Gusto könne man in so einer Großstadt wählen, ob das Internet aus dem Telefon- oder aus dem TV-Kabel strömt.

Für die meisten Straßen in Hannover mag das stimmen, doch ausgerechnet in meiner Straße ist nix von Wahlfreiheit zu bemerken: Die einzig vorhandene Infrastruktur, wenn man die schlaff an den Masten hängenden Leitungen denn so nennen möchte, gehört der Telekom. Und die hat nicht die geringste Lust, die Westernkulisse gegen was Zeitgemäßes zu ersetzen. So erfolgt mein Zugang zum WWW seit Jahren über eine Leitung mit "bis zu 16 MBit/s". Netto sind das seit der letzten "Modernisierung" grad mal 8,4 MBit/s - wenn ich Glück habe, versteht sich.

Die Telekom-Konkurrenten zeigten auf meine Nachfrage zwar Interesse an mir als Kunden, doch alles, was sie anbieten konnten, waren schnöde Resale-Anschlüsse der Telekom. Eigener Leitungsausbau, mehr Bandbreite - keine Chance.

Also bleibt nur die Selbsthilfe: "Mehr Bandbreite für mich" (MBfM) heißt eine Aktion, bei der man dafür bezahlt, dass einem die Telekom eine Glasfaserleitung ins Haus legt. Da so etwas für einen einzelnen Haushalt sicher zu teuer ist, hatte ich in meiner Straße nach Mitstreitern gesucht. Tatsächlich fanden sich acht Parteien, die bereit waren, für mehr Bandbreite auch etwas tiefer ins Portemonnaie zu greifen.

So zwischen zwei- und viertausend Euro war man bereit auszugeben, doch als das erste Angebot kam, gab es lange Gesichter: Sage und schreibe 52.716,23 Euro sollten wir zuschießen, damit die Telekom ihre Glasfaserinfrastruktur in unsere Straße erweitert. Der dickste Brocken waren mit 27.000 Euro die Tiefbauarbeiten. Zaghaft fragten wir nach, was der Spaß denn kosten würde, wenn die Telekom die vorhandenen Masten mit Glasfaser behängt. Doch wirklich in unserem Budget war diese Offerte mit stattlichen 30.340,05 Euro auch nicht. Und wie zum Hohn rückte letzte Woche auch noch ein Bautrupp der Telekom an. Er legte nicht etwa flotte Glasfaser, sondern ersetzte drei in die Jahre gekommene Holzmasten - die Westernkulisse in unserer Straße soll anscheinend noch länger bestehen. So werde ich weiterhin grummelnd in meiner Ecke stehen, wenn Kollegen mal wieder vom schnellen Internet schwärmen ...

Unterschrift Georg Schnurer Georg Schnurer

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