c't 11/2017
S. 63
Kurztest
In-Ear-Kopfhörer

400 Volt im Ohr

Die KSE 1500 von Shure sind die ersten elektrostatischen In-Ear-Kopfhörer, die dank akkubetriebenem Verstärker auch unterwegs aufspielen.

Aufmacherbild

Elektrostatische Wandler haben gegenüber herkömmlichen Tauchspulen den Vorteil, dass lediglich eine hauchdünne Membran zum Schwingen gebracht werden muss. Letztere hat eine wesentlich geringere Masse und gibt dadurch Details besser wieder. Zudem deckt sie das volle Frequenzspektrum ab. Typische Verzerrungen von Mehrwege-Systemen treten deshalb nicht auf, weil Übergänge zwischen Hoch- und Tieftönern wegfallen.

Stationäre Elektrostaten benötigen aber sehr hohe Spannungen, oft von mehreren tausend Volt. Shure konnte die nötige Spannung für die elektrostatischen Wandler der In-Ears KSE 1500 jedoch auf 200 bis 400 Volt senken. Zum Betrieb genügt der mitgelieferte Vorverstärker KSA 1500 von der Größe eines Handys, der Line-Signale über einen kleinen Klinkenstecker entgegennimmt. Alternativ funktioniert er als USB-Audio-Interface (96 kHz, 24 Bit) und wird dank Class Compliance ohne weitere Treiber von macOS, iOS sowie einigen Android-Geräten erkannt, die „USB on the Go“ und „USB Audio Rev. 2“ unterstützen.

Der Akku lädt in rund drei Stunden und gibt laut Hersteller sieben (USB) bis zehn (Line-In) Stunden Musik wieder. Unter macOS maßen wir eine gute Ausgangslatenz von 2,8 ms (96 kHz, 128 Samples), sodass sich die In-Ears auch zu Monitor-Zwecken für Musiker gut eignen. Über einen 4-Band-Equalizer lassen sich verschiedene Profile einstellen und abspeichern. Ein zuschaltbarer Limiter kann zu starke Impulse begrenzen.

Äußerlich gleichen die In-Ears den übrigen Profistöpseln von Shure. Angeschlossen werden sie über ein 1,4 m langes Kabel mit einem speziellen Lemo-Stecker, weshalb sie sich nur am KSA 1500 betreiben lassen. In die Kabel eingearbeitete Drähte sichern den Sitz am Ohr. Sieben verschieden große Passstück-Paare aus Memory-Foam sorgen für einen luftdichten Abschluss – wichtig für die Übertragung tiefer Frequenzen. Außengeräusche werden laut Hersteller je nach Passstück um bis zu 37 db gedämpft. Der Sitz ist angenehm, ließe sich jedoch mit Otoplastiken verbessern.

Der weitgehend lineare Frequenzgang sorgt für einen kühl und hart wirkenden Sound. Stimmen wirken überaus präsent, Zischellaute fallen sofort auf, ohne jedoch überbetont zu wirken. Dieser unbarmherzig direkte Klang irritiert im ersten Moment. Er deckt Abstimmungsfehler in Songs schonungslos auf. Das ist für Musikproduzenten hilfreich, wenn sie ihren Mix auf Fehler untersuchen. Wer aber seine Musiksammlung einfach nur genießen will, dem mag diese Direktheit missfallen. Vergleicht man die KSE 1500 mit hochwertigen offenen Kopfhörern wie Sennheisers HD-800S, so wirken Räume weniger weit und luftig – das ist aber ein generelles Problem von In-Ears.

Wer sich vom hohen Preis nicht abschrecken lässt, sollte genau wissen, wozu er die Elektrostaten einsetzen möchte. Sie sind ein hervorragendes Analysewerkzeug, um Fehler aufzudecken. Manch Audiophilem dürfte die Abstimmung aber etwas zu hart sein. Sinnvoll ist in jedem Fall die zusätzliche Anfertigung individueller Otoplastiken beim Hörgeräte-Akustiker, die etwa 150 Euro kosten. Wenn die Kopfhörer nicht unbedingt im Ohr getragen werden sollen, bekommt man allerdings bei Over-Ear-Modellen besseren Klang für weniger Geld. (hag@ct.de)

Tabelle
Tabelle: Shure KSE 1500

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