c't 11/2017
S. 16
News
Windows 10 S

Die neue S-Klasse

Microsofts neue Betriebssystem-Edition Windows 10 S

Mit einer speziell auf die Bedürfnisse von Schulen zugeschnittenen Ausgabe von Windows 10 will Microsoft im Bildungssektor Boden gut machen.

Bereits seit ein paar Monaten geisterten Gerüchte durchs Netz, Microsoft arbeite an einer Ausgabe von Windows 10, die ausschließlich Store-Apps ausführen kann. Bekannt wurde diese Ausgabe dabei unter ihrem Projektnamen „Windows 10 Cloud“. Noch nicht klar war damals allerdings, dass die Grundlage dieser neuen Edition nicht Windows 10 Home sein wird, sondern die Pro-Edition.

Zum Kasten: Rückfall in alte Unsitten

Am 2. Mai hat Microsoft auf einer PR-Veranstaltung zum Thema Bildung das System, das nun „Windows 10 S“ heißt, der Öffentlichkeit präsentiert. Tatsächlich ist es in etwa das, was zu erwarten war: eine sehr preisgünstige bis kostenlose Ausgabe, die in Konkurrenz zu Googles ChromeOS treten soll. Vor allem im US-Schulsegment (K-12) hat Googles Cloud-Betriebssystem mit inzwischen deutlich über 50 Prozent einen bemerkenswerten Marktanteil errungen. Dort sieht Microsoft seine Felle rapide davonschwimmen, wenngleich der Zuwachs von ChromeOS bislang am stärksten zu Lasten von Apple ging.

Was es nicht kann

Windows 10 S verweigert die Installation von Programmen und Apps, die nicht aus dem Store kommen. Der Begriff „Store“ schließt hier explizit auch den im Bildungs- und Geschäftseinsatz interessanten und managebaren „Windows Store für Business“ ein. Jegliche andere Software blockiert Windows 10 S mit dem Hinweis, dass die Ausführung unterbunden wurde, und bietet mehr oder weniger vergleichbare Store-Apps als Alternative an, sofern es welche findet. Fürs Management von Geräte-Fuhrparks ist außerdem der Domänenbeitritt ausschließlich in Azure-AD-Domains möglich; lokale Windows-Server-Domänen bleiben außen vor.

Zwei Einschränkungen dürften diesseits des Atlantiks für Diskussionen sorgen: Der Standardbrowser ist unveränderbar auf Microsofts eigenen Edge festgenagelt; Gleiches gilt für Bing als Standard-Suchdienst. Selbst falls Browser-Alternativen wie Chrome oder Firefox künftig im Store zu haben sind, lassen sie sich zwar installieren und verwenden, nicht aber als Standard-App zum Öffnen von Websites und HTML-Dokumenten einstellen.

Wer mit den Einschränkungen nicht einverstanden ist, kann das System gegen eine einmalige Zahlung von 49 US-Dollar über den Store auf Windows 10 Pro aktualisieren. Hier betont Microsoft, dass es keinen Weg zurück gibt – wurde das System einmal auf die Pro-Edition aufgerüstet, soll Windows 10 S sich darauf nicht wiederherstellen lassen. Bis Ende 2017 bekommen Käufer von Microsofts Windows-10-S-Vorzeigegerät namens Surface Laptop (siehe S. 21) im Rahmen einer Sonderaktion das Upgrade auf Windows 10 Pro geschenkt.

Was man unter Windows 10 einstellen kann, ist in der S-Edition fest vorgegeben: Apps lassen sich nur aus Microsofts Store beziehen.

Die Einschränkung auf ausschließlich Store-Apps lässt sich übrigens auch mit einem regulären Windows 10 in Version 1703 (Creators Update) nachahmen. Dazu stellt man unter „Apps & Features“ in der Kategorie „Apps“ der Einstellungen das obere Auswahlmenü um, und zwar von „Apps aus beliebigen Quellen zulassen“ auf „Nur Apps aus dem Store zulassen“.

Was schon da ist

Anwender von Peripheriegeräten müssen mit Problemen rechnen, wenn zum Betrieb eine Software nötig ist, die nicht automatisch via Windows Update nachgeladen wird und die auch nicht als separate App im Store zu finden ist. Darauf weist Microsoft in seinen FAQ zu Windows 10 S explizit hin (siehe ct.de/yq19). Das dürfte vor allem auf Drucker und Scanner zutreffen.

Kunden, die auf Eingabehilfen wie Braillezeilen, spezielle Bildschirmlupen oder Sprachein- und -ausgabesysteme angewiesen sind, müssen ebenfalls mit Problemen rechnen, wenn sie ein Gerät mit Windows 10 S kaufen. Ihnen rät Microsoft, vorher zu klären, ob sämtliche nötige Software auch tatsächlich im Store zu haben ist – meist dürfte das nicht der Fall sein.

Herankommensweisen

Über das Vertriebsmodell ist indes noch nicht allzu viel bekannt. In der Präsentation sagte Microsoft, dass Bildungseinrichtungen das System kostenlos zur Verfügung gestellt werden soll; in der Praxis dürfte Windows 10 S vorrangig an OEMs geliefert werden, die Geräte für den Bildungsmarkt mit dem System bestücken und diese im Rahmen größerer Verträge an Schulen liefern.

Schulen kommen zudem über Verträge mit Microsoft-Partnern an das System heran; sie können PCs mit Windows 10 Pro gratis auf die S-Edition umstellen. Ob es auch Sonderkonditionen für PCs geben wird, auf denen Windows 10 Home oder eine ältere Version läuft, ist offen.

Als eigenständiges Produkt wird Windows 10 S wohl nicht im Markt auftauchen. Zu hoffen bleibt, dass Microsoft die S-Edition für Entwickler und Admins im MSDN sowie im TechNet bereitstellt – gerade für Entwickler, die ihre klassischen Desktop-Programme für den Store portieren wollen, ist eine solche Testplattform unerlässlich. Wann das passieren soll, ist noch nicht bekannt; eine Anfrage von c’t hatte Microsoft bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. (jss@ct.de)

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