c't 13/2017
S. 188
Story
Dornröschens letztes Erwachen
Aufmacherbild
Illustration: Michael Thiele, Dortmund

Dornröschens letztes Erwachen

Heute wird Dornröschen sterben“, beruhigte sich Dr. Benjamin Trend, während er mit klopfendem Herzen auf das einsame Jagdhaus zuging. Vier junge Wildrosenbüsche blühten am Rand des Plattenwegs. Im Vorbeigehen strich er mit den Fingern der Linken über eine Blüte, zog dann aber die Hand zurück, als ihm Professor Koracs Warnung einfiel: „Wenn du den Kopf in den Rachen eines Tigers steckst, ist Kontrolle eine Illusion. Falls du etwas Verdächtiges bemerkst, versuch nicht zu improvisieren, brich den Durchgang sofort ab. Und vor allem: Halte dich an das Skript.“

„Ja, Professor.“ Benjamin stellte den schweren Lederkoffer neben sich auf das Eingangspodest und holte tief Luft. Dann betätigte er den Klingelknopf und zählte die Sekunden. Es dauerte fast zwei Minuten, bevor drinnen der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Dornröschen öffnete die Tür und musterte ihren Gast, wobei sie ihr gesundes, linkes Auge hinter dem dicken Brillenglas so weit aufriss, als wolle sie ihn damit aufsaugen. Das rechte Glas war geschwärzt, was sie hätte hilfsbedürftig erscheinen lassen, wäre da nicht der schneidend strenge Ausdruck auf ihrem Gesicht, der Benjamin an eine Eule erinnerte und ihm einen Schauder über den Rücken jagte.

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