c't 17/2017
S. 18
News
Mozillas Zukunft

Auf der Suche

Mozilla – im Kampf um die Freiheit des Netzes abgehängt?

„Chrome hat den Browserkrieg gewonnen.“ Die Einschätzung von Mozillas Ex-Entwicklungschef Andreas Gal wirft ein Schlaglicht auf den schwindenden Einfluss der Stiftung, die sich für ein offenes Internet einsetzt.

Endzeit für Firefox? Mitte Juli hat Andreas Gal, der ehemalige Technikchef der Internet-Stiftung, in seinem Blog ein Posting veröffentlicht, in dem er Benutzerzahlen des Mozilla-Browsers Firefox näher untersuchte. Er betrachtete dabei die von Mozilla selbst veröffentlichten Zahlen der Desktop-Version. Im Vergleich zum Vorjahr sind demnach heute 22 Prozent weniger Firefox-Installationen aktiv. Dies entspreche einem absoluten Verlust von 16 Millionen Installationen in einem Jahr. Und der Niedergang halte schon seit Jahren an: Bestätigung für seine im Mai veröffentlichte These, dass Chrome den Browser-Krieg gewonnen habe.

Von c’t auf das Posting angesprochen, antwortete Jascha Kaykas-Wolff, Mozillas Chief Marketing Officer. Es habe sich seit Gals Weggang vor zwei Jahren eine Menge verändert – einschließlich der Performance von Firefox und der Art und Weise, wie man die Nutzung messe. Mozilla erfasse die Nutzerzahlen mittlerweile auf Basis des Telemetrie-Systems von Firefox. Das erlaube ein granulareres Erfassen der Zahlen. Mozilla veröffentliche die so gewonnenen Daten nicht, aber die Zahlen seien über die Jahre stabil geblieben.

Das verwundert ein wenig, denn auch die Zahlen vieler Marktforschungsunternehmen weisen in dieselbe Richtung wie die von Gal: Gemäß den Erhebungen von StatCounter beträgt der Marktanteil von Firefox, der 2010 bei deutlich über 30 Prozent lag, aktuell nur noch 14 Prozent. In der Statistik von NetMarketShare liegt Firefox bei knapp 12, Chrome bei knapp 60 Prozent.

Zum Kasten: »Auf dem richtigen Weg«

c’t hat Gal noch einmal zu seiner Meinung über den Browser-Markt befragt (siehe nebenstehenden Kasten). Dabei zeigte sich, dass für ihn der Desktop-Browser gar nicht mehr so wichtig ist, weil für das Gros der Anwender die mobile Nutzung im Vordergrund steht. Und dort habe Mozilla den eingebauten Browsern nichts entgegenzusetzen.

Schwieriges Terrain

Android und iOS sind für Mozilla seit jeher ein schwieriges Terrain gewesen. Vielleicht auch deshalb hatte Mozilla kurzzeitig versucht, mit einem eigenen Betriebssystem auf dem Smartphone-Markt mitzumischen: Firefox OS sollte vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern auf günstiger Hardware zu einer Konkurrenz zu Android heranwachsen. Anfang 2013 mit großer Unterstützung von Geräteherstellern gestartet, konnte sich Firefox OS aber nicht durchsetzen. Ende 2015 gab Mozilla bekannt, das System nicht weiterzuentwickeln.

Es ist nicht so, dass Mozilla auf mobilen Geräten überhaupt nicht stattfindet. Aber wenn sich das Unternehmen über eine Million Downloads seines Datenschutz-Browsers Firefox Klar (außerhalb Deutschlands Firefox Focus) innerhalb eines Monats freut, dann zeigt das die Dimensionen ganz gut auf – insgesamt mehr als zwei Milliarden Android-Geräte sind in Benutzung. Und auch wenn es wesentlich mehr Installationen von Firefox Mobile als von Klar gibt: Vielen Nutzern wird es so gehen wie Gal, der trotz eines mobilen Firefox meist den System-Browser verwendet.

Firefox war und ist das wichtigste Projekt von Mozilla, mit dem die Stiftung sich bisher immer bei der Entwicklung von Web-Standards eingebracht hat. Wenn dieses Hauptprodukt aber immer unbedeutender wird, stellt sich die Frage, wo und wie Mozilla in Zukunft auf die Entwicklung des Internets Einfluss nehmen will. Mozilla scheint jedenfalls momentan auf der Suche zu sein.

Angesagte Partys

Die Stiftung hat Projekte für viele aktuelle Techniken gestartet, so als wolle sie auf allen angesagten Partys mitmischen, um nichts zu verpassen: Mit A-Frame macht man in Virtual Reality, mit WebAssembly in Spieleentwicklung – und Internet of Things darf natürlich auch nicht fehlen. Seit kurzem gibt es auch ein Projekt, das sich mit Spracherkennung befasst: Common Voice. Dort sammelt Mozilla Sprachschnipsel. Über die Projekt-Website kann jeder, der einen Computer mit Mikrofon besitzt, zufällig ausgewählte englische Sätze einsprechen und an das Common-Voice-Projekt übermitteln. Das Projekt soll helfen, eine öffentliche Datenbank mit Audiomaterial aufzubauen, die dann jedem interessierten Entwickler zur Verfügung steht – zum Beispiel, um Sprachassistenten zu entwickeln.

Die Zukunft? Mit Common Voice möchte die Mozilla-Stiftung eine große Stimm-Datenbank aufbauen.

Es erscheint nur konsequent, dass Mozilla sich auf dem Feld betätigt, das viele als das Bedienmedium der Zukunft sehen: Sprache. Stellt sich nur die Frage, ob Mozilla nicht – wie bei den Mobilsystemen – wieder zu spät loslegt. Siri ist vor knapp sechs Jahren herausgekommen, es gibt bereits etliche weitere Produkte und zwei ausgereifte Schnittstellen von Amazon und Google, mit denen Entwickler eigene Sprachanwendungen bauen können.

Der im Januar von Mozilla veröffentlichte Entwurf eines Internet Health Report ist ein Hinweis darauf, dass sich die Stiftung vermehrt politischen und gesellschaftlichen Fragen zuwenden könnte. Datenschutz, Urheberrechte, offene Innovationen, Netzneutralität – viele wichtige Themen, für die es sich einzusetzen lohnt. Mit solchen Engagements entfernt sich die Stiftung, die einmal als eine Art Software-Haus für die Weiterentwicklung von Firefox und Thunderbird gegründet wurde, aber immer weiter von ihrem bisherigen Markenkern. Gal hat noch einen Hinweis, wie sich Mozilla wieder mehr in die Entwicklung technischer Infrastruktur einbringen könnte: Seiner Ansicht nach braucht das Netz mehr denn ja eine Alternative zur Suchmaschine Google, die in vielen Ländern den Markt komplett beherrscht. (jo@ct.de)

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