c't 18/2017
S. 58
Hintergrund
Zensur in China
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Great Chinese Firewall

Wie im Reich der Mitte ein nationales Intranet entsteht

China zieht die Zensur-Zügel an. Der Staat verbietet neuerdings per Gesetz VPN-Verbindungen ins unzensierte Internet und unterbindet proaktiv Meinungsfreiheit. Die Bürger nehmen es bislang weitgehend klaglos hin, weil im chinesischen Internet vieles besser funktioniert als anderswo.

Nun hat auch China einen Problembären: Winnie Pooh heißt er und ist eine etwas einfältige, aber gutmütige Trickfilmfigur von Walt Disney. Einige chinesische Blogger finden, Winnie Pooh sieht Partei- und Staatschef Xi Jinping ähnlich. Immer wieder tauchen Vergleichsmontagen auf, etwa nach dem Treffen zwischen Xi und Japans Premierminister Shinzo Abe im November 2014: Sowohl in Körperhaltung als auch äußerlich gleicht Xi da ein wenig dem Disney-Bären – ein kleines Meme. Abe wird darin übrigens von Winnies Freund, dem Esel I-Ah, verkörpert. Soweit, so harmlos.

Mitte Juli dieses Jahres griff die chinesische Zensurbehörde allerdings unvermittelt durch: Aus sozialen Netzen verschwanden die beliebten Winnie-Pooh-Emojis, im Twitter-Pendant Weibo schlug der Keyword-Filter zu, wenn man Texte verschicken wollte, die den Namen des Bären enthielten. Auch die Fotomontagen verschwanden über Nacht von den Plattformen.

Beobachter sehen in dieser – aus westlicher Perspektive – irrwitzig wirkenden Aktion ein Zeichen dafür, dass Staatschef Xi in der zweiten Jahreshälfte die Zensur-Zügel heftig anzieht. Kai Strittmatter, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Peking, spricht von einem „Sommer der Nebelmaschine in China“. Die Zensur-Anstrengungen seien noch mal verstärkt worden, das „ohnehin schon eingemauerte chinesische Internet“ werde noch ein Stück mehr abgeschottet von der Welt. Mitte Juli seien über Nacht sämtliche amerikanischen und europäischen Filme und TV-Serien von den populären Streaming-Plattformen ACFun und Bilibili verschwunden.

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