c't 22/2017
S. 140
Praxis
Tor: Öffentlicher Hidden Service
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Offenes Geheimnis

Tor Hidden Service als Website-Ersatz für Dissidenten und jedermann

Regime-kritische Websites können Betreiber leicht die Freiheit oder gar das Leben kosten, selbst wenn sie nicht in einer Autokratie oder Diktatur leben. Tor Hidden Services im Darknet helfen, die eigene Identität zu schützen. Sie eignen sich sogar als kostenlose Websites für Privatpersonen in Demokratien – ganz ohne spezielle Software.

Ein spöttisches Gedicht über einen Staatschef, eine Beschwerde über lokale Korruptionsfälle oder einfach die Nähe zu einer oppositionellen Bewegung: Wer heute seine Meinung zu Autokraten, Diktatoren oder ihren Regimes frei äußert, sollte tunlichst nicht ins Ausland reisen – auch nicht als Deutscher. Denn Facebook-Posts, Forenbeiträge und Artikel kennen keine Landesgrenzen. Und wie die Inhaftierung des Schriftstellers Do˘gan Akhanlı, des Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner und des Journalisten Deniz Yücel zeigen, interessiert die Regimes die Staatsbürgerschaft von Kritikern herzlich wenig: Notfalls wird einfach ein internationaler Haftbefehl erlassen, mit denen die Menschen auf der ganzen Welt festgenommen und schlimmstenfalls an das Regime ausgeliefert werden – wenn nicht zufällig ein deutscher Außenminister öffentlich einschreitet.

Es ist deshalb nicht nur für Dissidenten in Autokratien und Diktaturen überlebenswichtig, kritische Berichte über die Machthaber oder Missstände anonym veröffentlichen zu können. Auch als freier Bürger in einer westlichen Demokratie muss man aufpassen, was man unter seinem Namen ins Netz stellt.

Genau dafür wurde Tor geschaffen: Damit wird die gesamte Kommunikation im sogenannten Darknet verschlüsselt über mehrere Knoten übertragen und lässt sich im Idealfall nicht zur Quelle zurückverfolgen. Dienste wie Websites oder Fileserver, die Hidden Services, darf darüber hinaus jeder frei und unbeschränkt anbieten. Nicht einmal eine Domain-Registry gibt es, den Namen seines Hidden Service sucht sich jeder selbst aus, völlig kostenlos.

Damit ist ein Webserver im Darknet auch für Privatpersonen interessant, die ihre Website lieber von zu Hause aus betreiben und die Kosten für eine eigene Domain sparen wollen. Außerdem ist der Tor-Daemon ein probates Mittel für Internetzugänge ohne öffentliche IP-Adresse, also über Mobilfunk oder aus Kabelnetzen heraus.

Tor ins Darknet

Der eigentlich obligatorische Tor-Browser ist dank Tor-Gateways für die Besucher von Darknet-Websites nicht zwingend erforderlich: Die Gateways arbeiten als Proxies, sodass die Inhalte von Darknet-Websites für jedermann zugänglich sind und auch von Googles Suchmaschine gefunden werden. Die Darknet-URLs über einen solchen Proxy unterscheiden sich nur geringfügig von herkömmlichen URLs.

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