c't 22/2017
S. 12
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Smartphone Pixel 2
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Tolle Fotos, teures Handy

Googles High-End-Smartphone Pixel 2 ausprobiert

Das Pixel 2 sieht dem Vorgänger zum Verwechseln ähnlich, hat intern aber deutlich mehr auf der Pfanne: zum Beispiel eine verbesserte Kamera und das Bildanalyse-Tool Lens. Eine Kopfhörerbuchse fehlt allerdings.

Mit der zweiten Version des Nexus-Nachfolger-Smartphones Pixel bekommt die Kundschaft das pure, unverbastelte Android-Erlebnis – und obendrein Betriebssystem-Funktionen, die zumindest eine Zeit lang kein anderes Android-Gerät bietet. Langfristig sollen die neuen Funktionen aber in die Android-Grundversion einziehen. Eine nette Überraschung: Google garantiert drei Jahre lang Android-Feature-Updates – bislang waren es zwei Jahre; nur die Security-Updates kamen drei Jahre lang.

Das Pixel 2 gibt es wie den Vorgänger in zwei Größen: einmal ohne und einmal mit „XL“-Zusatz. Die kleine Version wird von HTC gefertigt, die größere von LG. Google betont, dass es außer Displaygröße, Seitenverhältnis und Akkukapazität (Pixel 2 2700mAh, Pixel 2 XL 3520 mAh) intern keine Unterschiede gibt. Tatsächlich sehen die Geräte von hinten nahezu identisch aus, allerdings hat die XL-Variante eine abgerundete Glasplatte vorm Display. Bei der normalen Variante hat Google versucht, mit einem Metallrahmen ein ähnliches Handschmeichler-Gefühl hinzubekommen – das gelingt ordentlich, unserer Meinung nach fühlt sich die XL-Version dennoch etwas gefälliger an.

Quetschkommode

Das Seitenverhältnis liegt beim Pixel 2 bei 16:9 (1920 × 1080), beim Pixel 2 XL bei 18:9 (2880 × 1440). Anders als beispielsweise Samsung und Apple beim iPhone X verzichtet Google allerdings nicht auf den schwarzen Rahmen ums Display, der bei der 5-Zoll-Version oben und unten deutlich breiter ausfällt als beim 6-Zoll-XL-Pixel 2. Durch die Ränder sehen die Pixel-Geräte weniger futuristisch aus als die Geräte der Konkurrenz – womöglich ist der Rand der „Quetsch“-Funktion geschuldet: Man kann die 2er-Pixels an den Seiten zusammendrücken und damit den Google Assistant starten.

Beide Pixel-2-Modelle sind wie die aktuellen iPhones nach Schutzart IP67 wasser- und staubgeschützt. Das bedeutet, dass sie eine kurze Dusche vertragen können. Zum Vergleich: Konkurrent Samsung bietet bei S7, S8 und Note 8 die bessere IP68-Klassifizierung (bis zu 30 Minuten bei 1,5 Meter Wassertiefe).

Der Fingerabdruck-Sensor ist wieder auf der Rückseite eingebaut, soll aber laut Google 25 Prozent schneller arbeiten. Eine Kopfhörer-Buchse gibt es anders als beim Vorgänger nicht, dafür liegt ein USB-C-Adapter im Karton. Die nach vorne gerichteten Stereo-Lautsprecher klangen in einem kurzen Hörtest sehr ordentlich.

Pixel 2 und Pixel 2 XL haben neben einem eSIM-Chip einen konventionellen Nano-SIM-Kartenschacht eingebaut. Sie sind in Varianten mit 64 und 128 GByte Flash-Speicher erhältlich. Angetrieben werden sie von einem Qualcomm Snapdragon 835 mit 4 GByte RAM (8 Kerne, 2,35 + 1,9 Ghz). Beim Pixel 2 kommt erstmals DDR4x-Speicher zum Einsatz, der dank niedrigerer Spannung weniger am Akku nagen soll.

Offline-Shazam

Im „Always-On“-Modus zeigt das Pixel-2-Display auf Wunsch permanent Uhrzeit und Benachrichtigungen an. Kurios ist die „Now-Playing“-Funktion: Mithilfe einer offline auf dem Gerät gespeicherten Musik-Datenbank erkennt das Gerät das gerade in der Umgebung hörbare Lied und zeigt den Titel unter der Uhrzeit an – komplett automatisch. Laut Google wird die Datenbank wöchentlich aktualisiert und beinhaltet „zehntausende“ Titel. Tippt man auf den Titel, spuckt das Telefon den Liedtext aus (falls vorhanden) und bietet Verknüpfungen in den Play Store oder YouTube an. Bei unserem Hands-on-Termin dauerte es fünf bis zehn Sekunden, bis das Gerät den gerade laufenden Song erkannt hatte.

Außerdem neu: das nun unten statt oben angeordnete Suchfeld sowie die Google-Lens-Funktion, die aufgenommene Fotos auf Knopfdruck analysiert. Drückt man auf das „Lens“-Icon, wird nicht nur Name oder Inhalt des fotografierten Objekts angezeigt, sondern auch mit Daten aus Googles Knowledge-Graph-Informationsdatenbank angereichert.

Bei unserem Ausprobiertermin demonstrierte Google die Funktion mit dem Foto eines japanischen Tempels, eines Ölgemäldes und einer Visitenkarte. Bei letzterem erkannte Lens nicht nur den Text, sondern auch die Art der Information: Ein Tipp auf die Telefonnummer aktivierte die Telefonie-App, ein Tipp auf die Adresse Google Maps.

Neben den KI-Funktionen lag der Fokus beim Pixel 2 laut Google auf der Verbesserung der Kamera: Zwar stecke der gleiche Sony-Sensor im Pixel 2 wie in vielen Konkurrenz-Geräten, in Kombination mit Objektiv und Software sei die Kamera aber einzigartig auf dem Markt. Das Objektiv ist lichtstärker als beim Vorgänger (f1.8 statt f2.0), der 12,2-Megapixel-Sensor beherrscht nun wie bei Apple und Samsung seit zwei Generationen Dual-Phase-Detection für schnelle Fokussierung, außerdem sind optische (OIS) und elektronische Bildstabilisierung (EIS) an Bord.

Zum Kasten: Google will wie Apple sein

Die augenfälligste Neuerung ist aber der Porträtmodus, der sowohl mit der hinteren als auch mit der vorderen (Selfie-)Kamera funktioniert – anders als bei der Konkurrenz arbeitet der Modus mit nur einem Objektiv. Porträtmodus bedeutet, dass Objekte im Vordergrund scharf dargestellt werden, der Hintergrund aber unscharf. Der künstlichen Bokeh-Funktion liege laut Google Machine Learning und eine Datenbank mit über einer Million Fotos zugrunde. In unserem kurzen Anknipstest gefielen uns die Ergebnisse sehr gut – auch wenn man gerade bei feinen Strukturen wie Haaren Bildfehler erkennen konnte. Die Hauptkamera nimmt Videos mit einer Auflösung von maximal 1080p und 120 fps auf.

Top-Software, aber teuer

Alles in allem bietet das Pixel 2 zeitgemäße Smartphone-Technik für Fans der reinen Android-Lehre. Während die Software einige innovative Funktionen bietet, ist die Hardware eher Hausmannskost: Ein Randlosdisplay wie bei Samsung oder bei Apple iPhone X gibt es nicht, außerdem fehlen ein zweites (Tele-)Objektiv und Gimmicks wie Gesichtserkennung per Tiefensensor und IP68-Wasserabdichtung.

Dafür bietet die Software Funktionen, die andere Android-Handys erst später bekommen werden – wenn überhaupt. Wer immer die neueste Android-Version haben will, kommt deshalb an einem Pixel-Smartphone schwer vorbei – muss dafür aber auch tief in die Tasche greifen: Preislich fängt der Pixel-2-Spaß bei 799 Euro an (64 GByte) an, die 128 GByte-Variante kostet 909 Euro. Das Pixel 2 XL kostet mit 64 GByte 939 Euro, mit 128 GByte 1049 Euro.

Das Pixel 2 soll in Deutschland am 19. Oktober in den Handel kommen, das Pixel 2 XL ab Mitte November. Angeboten werden die Farbversionen Just Black, Clearly White und Kinda Blue (Pixel 2) sowie Just Black und Black & White (Pixel 2 XL). (jkj@ct.de)

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