c't 24/2017
S. 180
Spielekritik
Ego-Shooter
Aufmacherbild
Die blonde Frau Engel (rechts) bringt B. J. Blazkowicz in „Wolfenstein 2“ mit ihren sadistischen Experimenten zur Weißglut.

Kathartisches Gemetzel

Der Ego-Shooter Wolfenstein 2: The New Colossus spielt in einer alternativen Zeitlinie. Die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA okkupiert. Serienheld B. J. Blazkowicz führt den Widerstand im Untergrund an und metzelt sich rund zwölf Stunden durch feindliche Horden.

Die schwedischen Entwickler von Machine Games knüpfen hier nahtlos an den Vorgänger an und garnieren das Spiel mit viel schwarzem Humor sowie deftigen Übertreibungen. Blazkowicz ist ein harter Knochen: Selbst im Rollstuhl heizt er zu Beginn noch den Schergen der sadistischen Frau Engel ein. Seine Crew hat ihre Zentrale auf einem U-Boot eingerichtet. Von hier aus planen sie seine Missionen, die ihn quer durch die USA führen: vom atomar verseuchten New York bis zu einem Nachbarbezirk der Area 51, wo die Gegner mit Alien-Technik experimentieren.

Die taktischen Schleicheinlagen aus dem Vorgänger sind größtenteils verschwunden. In „The New Colossus“ geht es meist durch weitgehend linear aufgebaute Level, in denen Blazkowicz auf alles schießt, was eine schwarze Uniform trägt. Nur manchmal ist es klüger, eine Wache unbemerkt von hinten mit der Axt zu erledigen. Bereits auf dem zweitniedrigsten Schwierigkeitsgrad wird es arg haarig. So ist man oft gezwungen, während des Spiels auf die leichteste Baby-Stufe zu schalten. Die überhäuft einen jedoch geradezu mit Medizin und Munition – hier fehlt es an Balance.

Bei der Grafik haben sich die Entwickler richtig ins Zeug gelegt: Die markanten Charaktere wurden aufwendig animiert. Dynamische Lichteffekte hauchen den detailverliebten Kulissen viel Atmosphäre ein. Auf der PS4 Pro wird das Spiel in 4K (ohne HDR) ausgegeben und läuft mit 60 fps. Die Steuerung funktioniert dadurch butterweich. Allerdings muss man fürs Einsammeln von Munition meist eine Taste drücken, was im Eifer des Gefechts nervt. Kleinere Bugs störten nur wenig, wie einige nicht lippensynchrone Dialoge und ein hinter einer Steuerkonsole festhängender General.

Obwohl Publisher Bethesda aus der deutschen Version sämtliche Hakenkreuze entfernt hat, bleiben die Bezüge zum Dritten Reich offensichtlich. Die derben Gewaltszenen wurden nicht geschnitten, sodass sie hiesige Version der internationalen Fassung atmosphärisch nicht nachsteht.

Im Vergleich zum ersten Teil spielt sich Wolfenstein 2 gradliniger und akzentuiert Wechsel von rasanten Action-Szenen und unterhaltsamen Dialogen. Auch nach Stunden überrascht die Handlung mit unvorhersehbaren Entwicklungen. Insbesondere Frau Engels markante Auftritte gehören zu den Highlights des Spiels.

Trotz einiger Mängel bei der Abstimmung der Schwierigkeitsgrade werden Fans klassischer Knall-Bumm-Shooter dieses deftige Werk lieben – auch ohne Mehrspielermodus. Die Trash-Story macht mindestens ebenso viel Spaß wie die geradlinige Metzelei, nicht zuletzt wegen des unkaputtbaren Helden, der trotz aller Malaisen präsenter wirkt als je zuvor. (Peter Kusenberg/hag@ct.de)

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