c't 24/2017
S. 40
News
Medientage München

Medien unter Druck

Der digitale Wandel krempelt die Journalismusbranche um

Auf den Münchener Medientagen wurden neue Erzählformen und Werkzeuge für den Journalismus der Zukunft vorgestellt. Die größten Herausforderungen für die Medienhäuser: das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und die Redaktionen bei den Veränderungen mitzunehmen.

Die von Fake News und Echokammern verursachten Probleme sind kleiner als befürchtet. Nur zwei Prozent der Menschen in Deutschland sind anfällig für Fake News. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des US-Medienprofessors William Dutton, das er auf den Münchener Medientagen vorstellte. Betroffen seien vor allem jene, die sich nicht für Politik interessieren und den technischen Umgang mit Online-Plattformen nicht beherrschen.

Dennoch zwingen Fake News die Medien, neue Wege zu gehen und (wieder) mehr den direkten Kontakt zur Bevölkerung zu suchen. Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner etwa stellte sein Projekt „Deutschland spricht“ vor: Mehr als 1000 Menschen trafen sich auf Vermittlung von Zeit Online zum Austausch mit einem unbekannten Gesprächspartner, der ganz andere Meinungen vertritt.

Der direkte Kontakt zur Leserschaft ist das Grundprinzip von De Correspondent, so Mayke Blok, „Head of Growth“ der niederländischen Online-Plattform. De Correspondent bindet das Publikum aktiv in seine Arbeit ein. Die Korrespondenten halten ihre Leser über ihre Arbeit auf dem Laufenden. Wenn ein Artikel veröffentlicht wird, sei das erst der Beginn eines Dialogs mit den Lesern. De Correspondent kommt ohne Werbung aus und finanziert sich komplett aus Abos.

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Sowohl bei den Erzählformaten als auch bei der täglichen Arbeit der Redakteure geht nichts ohne viel neue Technik. Daher hatten die Veranstalter der Medientage gleich zwei Vortrags-Tracks den Themen „Digital Media“ und „Innovation“ gewidmet. Sam Williams vom US-amerikanischen Medienhaus Quartz zeigte, wie sein Unternehmen Augmented-Reality-Inhalte in seine App einbindet, um dem Leser bestimmte Inhalte besser erlebbar zu machen. Der Nutzer kann zum Beispiel die Raumsonde Cassini mit dem Smartphone ins Wohnzimmer holen und um sie herumgehen.

Automate or Die

Plastischere Nachrichten mit Augmented Reality: Um das Modell der Raumsonde Cassini in der Quartz-App kann man herumgehen. Bild: Quartz

Bei der Washington Post (WP) nimmt ein riesiges Redaktionssystem Redakteuren und Newsrooms viele Routinearbeiten ab, so Scot Gillespie, Chief Technologie Officer des Medienhauses. Die Arc Publishing Suite unterstützt die WP-Macher beim gesamten Publishing-Prozess, angefangen bei der Planung bis hin zur Monetarisierung und der Analyse. Redakteure können nicht nur mehrere Versionen von Schlagzeilen für einen Artikel von einem Automatismus testen lassen, um diejenige zu finden, die die meisten Leser anspricht. Sie erhalten sogar fertig generierte Vorschläge für Schlagzeilen, von der die Software glaubt, dass sie gut funktionieren.

Nicht jedes neue Angebot für Journalisten ist aber auch ein Gewinn. Der Journalist Mathew Ingram etwa warnte vor Facebooks Instant Articles – in Ingrams Augen ein faustischer Pakt, von dem der Riese Facebook mehr profitiert als die Medienunternehmen. So können viele Leser nicht mehr nachvollziehen, von welcher Quelle eine Geschichte stammt, die sie gelesen haben, und schreiben eine von einem externen Medium veröffentlichte Nachricht Facebook zu.

Bei aller Fokussierung auf technische Lösungen: „Die Veränderung der Kultur ist der schwierigste Part“, warnte Scot Gillespie von der Washington Post – es ist eine sehr zähe Aufgabe, Journalisten von gewohnten Arbeitsweisen abzubringen. (jo@ct.de)

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