c't 25/2017
S. 26
News
Web Summit

Die neue Verantwortung

Auf dem Web Summit schlägt die Branche auch nachdenkliche Töne an

In Lissabon beschäftigten sich die Tech-Konzerne teils erstaunlich selbstkritisch mit ihrer eigenen Verantwortung im Umgang mit KI und Big Data. Vor allem wollen sie politischer Regulierung zuvorkommen.

Margrethe Vestager ließ keinen Raum für Missverständnisse: „Wir müssen uns unsere Demokratie zurückerobern“, forderte die EU-Wettbewerbskommissarin auf dem Web Summit Anfang November in Lissabon. „Wir können sie nicht den Googles und Facebooks überlassen.“ Vestager verwies auf die Erfolge der Kommission. Facebook hat seine Strafe für irreführende Angaben bei der WhatsApp-Übernahme bezahlt, und Google hat zwar gegen seine Milliarden-Buße Einspruch eingelegt, aber immerhin schon Garantien hinterlegt. „Jetzt holen wir uns die fälligen Steuern von Apple.“

Die Botschaft an die mächtige IT-Branche ist klar: Die Politik ist bereit, den Kampf aufzunehmen. Dabei geht es nicht nur um Wettbewerbsrecht und Steuern. Big Data und die neuen Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) oder smarte Autos bedeuten der Kommissarin zufolge, dass sich die Branche auch grundlegenden ethischen Fragen stellen muss.

Zum Kasten: »Wir haben es ein bisschen vergeigt«

Die EU-Kommission zeigte sich auf dem Web Summit gewillt, diese Fragen regulatorisch zu beantworten, wenn es die Branche nicht selbst tut. Zum Beispiel beim Umgang mit dem immensen Datenschatz, der durch alte und neue Technologien gehoben wird. „Daten sind das neue Öl“, sagte Intel-Chef Brian Krzanich. „Und dieses Öl ist der Treibstoff für Künstliche Intelligenz.“ Während der Intel-CEO lieber auf die Chancen der KI verwies, zeigten sich andere Teilnehmer deutlich nachdenklicher.

EU-Kommissarin Margrethe Vestager zeigt klare Kante: „Wir können die Demokratie nicht den Googles und Facebooks überlassen.“ Foto: Stephen McCarthy/Web Summit

Der Physiker Stephen Hawking etwa warnte in einer Videobotschaft zur Eröffnung des Web Summit deutlich vor den gesellschaftlichen Risiken der neuen Technologien. KI habe das Potenzial, ganze Volkswirtschaften auf den Kopf zu stellen. Oder die Technik könne für autonome Waffensysteme und zur Unterdrückung missbraucht werden, mahnte Hawking: „Wir können nicht vorhersehen, was passiert, wenn wir den menschlichen Geist mit der KI verbinden.“

Digitale Genfer Konvention

2010 war der Web Summit als Meeting für Start-ups und Investoren mit gerade mal 400 Teilnehmern in Dublin gestartet. In Lissabon zählte Konferenzveranstalter Paddy Cosgrave sieben Jahre später 60.000 Teilnehmer. In den vollen Messehallen stellten enthusiastische Entwickler ihre Businesspläne vor, umringt von IT-Konzernen wie Google und Amazon, aber auch Mercedes, BMW und Volkswagen, die in großem Stil auf Talentsuche gingen. Es wirkte etwas bizarr: In den Hallen herrschte grenzenloser Forscherdrang vor, während einige Meter weiter auf der Konferenz diskutiert wurde, wie sich die IT-Branche noch zähmen lässt.

Ein besonders düsteres Bild zeichnete Microsoft-Präsident und Chefjustiziar Brad Smith. Seiner Ansicht nach macht die Digitalisierung unser Leben zwar besser, aber auch verletzlicher. Ein Wettrüsten mit „unsichtbaren Waffen“ sei in vollem Gange. Vorfälle wie ein Cyber-Angriff auf Server in der Ukraine im Mai zeigen Smith zufolge, wie verletzlich kritische Infrastruktur mittlerweile ist: „Das sind zwar Angriffe auf Maschinen, betroffen sind aber Menschen – etwa Patienten in Krankenhäusern.“

Smith appellierte an die Moral von Unternehmen: „Versprechen Sie, niemals Regierungen bei Angriffen zu unterstützen!“ Er forderte eine „Digitale Genfer Konvention“: Alle Regierungen müssten sich verpflichten, niemals zivile Infrastruktur anzugreifen, keine Daten zu stehlen und sich nicht in Wahlen anderer Staaten einzumischen. (hob@ct.de)

Kommentieren