c't 2/2018
S. 118
Hintergrund
ISDN

Spatz in der Hand

Wie ISDN die Glasfaser überholte

2018 ist das Jahr, in dem ISDN abgeschaltet wird. Das schmalbandige diensteintegrierte Digitalnetz wird durch All-IP ersetzt, was einfacher zu warten ist und mit viel weniger Vermittlungsstellen auskommt. Wir werfen einen Blick in die Frühgeschichte der Vernetzung „made in Germany“ – und finden frühe Visionen von einer Vollverkabelung mit Glasfaser.

Westliche Industriestaaten überlegten in den 70er-Jahren, wie sie ihre Kommunikationsnetze künftig gestalten könnten. In der Bundesrepublik Deutschland tagte die „Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems“ (KtK) drei Jahre lang; ihre Empfehlung zur Digitalisierung des staatlichen Netzes wurde 1979 vom Gesetzgeber teilweise in digitalen Vermittlungsstellen umgesetzt.

In Frankreich beauftragte Staatspräsident Giscard d’Estaing eine Reihe von Wissenschaftlern, die 1979 den Nora-Minc-Report „Die Informatisierung der Gesellschaft“ erstellten. Dieser wurde noch im selben Jahr von der einflussreichen Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) ins Deutsche übersetzt. In dem Report war zum ersten Mal von der „telematischen Infrastuktur“ die Rede, die von „Wissensarbeitern“ genutzt wird, ein Fest für die Informatiker.

Produktivkraft „Wissen“

In Kanada untersuchte der Philosoph Jean-François Lyotard im Auftrag der Regierung von Quebec das „Wissen in informatisierten Gesellschaften“ und kam 1979 zu dem noch radikaleren Schluss, dass die Menschheit bald in einem „postmodernen Zeitalter“ leben werde, in der die Produktivkraft „Wissen“ elektronisch zirkuliert.

In Westdeutschland wurden all diese Themen etwas verkürzt unter dem Stichwort „Neue Medien“ diskutiert. Die KtK ging in die Vollen und sagte eine Vielzahl von Diensten voraus, die in dem mit der Digitalisierung einhergehenden neuen „Glasfasersystem“ realisiert werden können.

Der KtK-Abschlussbericht aus dem Jahr 1978 schwärmte von Einrichtungen wie dem Bildschirmtext und der morgendlichen Faksimilezeitung am TV, er freute sich auf das Lokalfernsehen, das Pay-TV des Kabelfernsehens und das Videobildtelefon, bei dem sich Gesprächspartner endlich in die Augen sehen können.

Die Kommission schlug bereits in ihrem ersten Bericht 1976 vor, dass Städte und Gemeinden, die das super-überlegene „Glasfasersystem“ errichten sollten, neben der Bundespost in eigener Regie private Unternehmen als „Netzträger“ zulassen dürfen, damit möglichst viele Innovationen in Konkurrenz aller Netzteilnehmer entwickelt werden können – ein Vorschlag, den die Bundespost und die Bundesregierung damals unter Verweis auf „Netzneutralität“ rundweg ablehnten. Denn nur ein Staat könne die Aufgabe stemmen, „alle Bürger zu vergleichbaren Bedingungen“ mit Glasfaser zu versorgen, so die offizielle Stellungnahme damals.

Wenn der Berg kreißt

Auf die Theorie folgte die Praxis: In Deutschland starteten 1980 bis 1982 Pilotprojekte wie Bigfon, das „Breitbandige Integrierte Glasfaser-Fernmeldeortsnetz“ in Westberlin, Hamburg, Hannover und Düsseldorf und dazu Bigfern, die „Breitbandige Integrierte Glasfaser-Fernverbindung“ zwischen Hamburg und Hannover.

In diesen beiden Städten regte sich auch der Widerstand gegen die Glasfaser, verstanden als Überwachung durch Big Brother. In Hamburg war es der 1981 gegründete Chaos Computer Club, der die Grünen im Bonner Bundestag beriet. In Hannover waren es die Grünen im niedersächsischen Landtag. Sie gaben eine Schriftenreihe „Zwangsanschluss ans Informationsnetz der Zukunft“ heraus, in dem Wilhelm Steinmüller, der spätere Erfinder des Begriffes „informationelle Selbstbestimmung“ gegen die Glasfaser donnerte.

Für diese Technik fehle es nur noch an „leistungsfähigen Fabriken und ein paar Robustheitsgrade“, ehe die totale Überwachung wie bei Orwell unausweichlich sei. Denn das Kabel werde nicht nur TV und neue Medien einspeisen, sondern die Aktivitäten in der Wohnung überwachen und mit der Betriebsdatenerfassung und anderem „Telewirken“ zusammenführen und computertechnisch auswerten, befand Steinmüller im Jahre 1983.

Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich nach den ersten Versuchen in Deutschland und Frankreich ab, dass eine Vollverkabelung mit Glasfaser für alle Bürger utopisch ist. Denn die von Steinmüller genannten „paar Robustheitsgrade“ hatten es in sich. Ein Bericht der Bundespostdirektion von 1983 rechnete gleich bis in das Jahr 2030 weiter, bis die Glasfaser zum Haus (heute FTTH genannt) überall in Westdeutschland verfügbar wäre. Bis dahin solle man jedenfalls Leerrohre für die künftige Vernetzung verlegen, empfahlen die Experten, die derweil Lösungen auf dem existierenden Kupferkabelsystem suchten.

Zwischenschritt zur Glasfaser

Der Ausweg war schließlich der digitale Transport der Daten zwischen den bereits digitalisierten Vermittlungsstellen im Kupfernetz unter Einsatz der von Alec Reeves beschriebenen Pulse Code Modulation (PCM) unter dem Namen International Integrated Services Digital Network (ISDN). Der damalige Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling erklärte den „Zwischenschritt“ so: „Die weiterführende Vernetzung mit Kupferkoaxialkabeln dient sehr stark dazu, die Medienvielfalt durch mehr Funk- und Fernsehprogramme zu erweitern. Aber über Kupfer kann auch das geplante schnelle Telefonnetz namens ISDN gebaut werden.“

Das deutsche ISDN wurde nach einer Reihe von aufwendigen Versuchen der Bundespost mit einem zunächst landeseigenen Standard namens 1TR6 definiert; etwas später wich diese Spezifikation dem Euro-ISDN-Standard. Entscheidend für 1TR6 war die Berechnung der Post, dass beim avisierten PCM-basierten ISDN-Verfahren, das per Kupferdraht von 0,6 mm Durchmesser eine Reichweite von 8 Kilometern liefert, 99,7 Prozent aller deutschen Fernsprechteilnehmer unmittelbar von den Ortsvermittlungsstellen erreichbar waren. Das reichte auf der berühmten „letzten Meile“ für zwei Sprach- oder Daten-Kanäle mit je 64 KBit/s, einem Steuerkanal mit 16 KBit/s sowie 16 KBit/s für das Drumherum.

Eine Skizze des CCC von 1983. Quelle: Die „Göttinger Kampfgruppe gegen Verkabelung und ISDN“, die ISDN als Überwachungs-BigFon des Kapitals bekämpfte.

Während ab 1983 die internationale Standardisierung von der Fernmeldebehörde CCITT (heute ITU) vorangetrieben wurde, drängte die Bundespost auf einen Feldversuch. Schützenhilfe bekam sie von den „Haustechnikern“ bei Siemens, dem damals größten Tk-Entwickler – und von der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung in Sankt Augustin.

Die GMD schlug 1985 in einem Gutachten vor, 50 Parlamentarier aller Fraktionen des deutschen Bundestages mit ISDN auszustatten und ISDN-Anschlüsse in den jeweiligen Wahlkreisen der Auserwählten zu installieren. Sollte dieses „Parlakom-Testsystem“ bei den Abgeordneten ankommen, stünde der bundesweiten Ausdehnung von ISDN wohl nichts mehr im Wege. Hoflieferant der Versuchstechnik war Siemens mit seinem Hicom genannten ISDN-System.

Während die etablierten Parteien den staatlich finanzierten ISDN-Versuch durch die Bank weg begrüßten, gaben die gerade in den Bundestag eingezogenen Grünen 1986 zwei Gutachen über ISDN und den Computereinsatz in Auftrag – eines davon beim Chaos Computer Club. Nonchalant verkündete dieser, dass ISDN überflüssig sei, weil Teletext, Telefax und Datenfernübertragung bestens erprobt und jeweils billiger wären. Wirtschaftlich sei es zudem ein Skandal, wenn die Allgemeinheit die Sonderdienste einer Minderheit finanziere.

Schneller Brüter der Nachrichtentechnik

Noch härter war die Kritik der Gewerkschafter und Datenschützer. Der Informatiker Herbert Kubicek bezeichnete ISDN als „schnellen Brüter der Nachrichtentechnik“ und warnte vor dem Datenberg, den die Bundespost in ihren Rechenzentren zu Abrechnungszwecken speichern würde: Weil ISDN immer die Nummer des Anzurufenden wie des Anrufers im Klartext speichere, sei dies ein Schritt in den Überwachungsstaat. Überdies sei die beabsichtigte Anzeige der Rufnummer eines Anrufenden (CLIP = Calling Line Identification Presentation) ein schwerer Eingriff in die Privatsphäre.

Ein typischen ISDN-Werbe-Pressefoto von Siemens: Es geht um das Verschlüsselungstelefon TopSec 702. Text hintendrauf: „ISDN kann nicht mehr überwacht werden.“

Die Grünen lehnten schließlich den Anschluss an Parlakom im November 1986 ab: „ISDN als Integration aller Fernmeldedienste in einem digitalisierten Fernmeldenetz eröffnet vielfältige Missbrauchsmöglichkeiten und gefährdet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.“

Freilich dauerte die Ablehnung nicht lange. Als im zweiten Feldversuch Anfang 1989 das Parlakom-System auf 150 Abgeordnete ausgedehnt wurde, war man mit 12 Abgeordneten dabei. Ausschlaggebend war, dass diesmal die Bundestagsverwaltung jedem Abgeordneten neben dem ISDN-Telefon „zwei hochmoderne Computer“ jeweils im Bundestag und im Wahlkreis spendierte, damit die Sprach/Daten-Integration „erlebbar“ wurde. Zudem warb der Hersteller Siemens mit Hicom-Systemen, die verschlüsseln konnten, was die Überwachungsängste der Grünen dämpfte.

Eine Illustration der Firma Bosch von 1997: „Hybrides Glasfaser/Koax/FTTC“-Netz, das im Jahre 2000 bis 2010 laut Bosch ISDN ablösen sollte. Bemerkenswert: Kein Smartphone zu sehen, kein Funk im Auto, kein WLAN, nur DECT-Funk in den Häusern.

Trotz der Verballhornung von ISDN als „Immer Siemens, denkt Nixdorf“ profitierte vor allem der Paderborner Computerbauer von ISDN, weil er im Bereich der „mittleren Datentechnik“ mit der Nebenstellenanlage Nixdorf 8818 nicht nur den allgemeinen ISDN-Feldtest in Mannheim und Stuttgart bestreiten konnte, sondern es auch schaffte, diese Anlage in die IT-Landschaft von Sparkassen und anderen datenverarbeitenden Unternehmen zu integrieren.

Weitere deutsche Unternehmen, die im Zuge der ISDN-Einführung entstanden, waren etwa Teles und AVM. Doch es dauerte lange, bis sich das 1989 bundesweit gestartete ISDN verbreitete. Die Rufnummernanzeige, das Anklopfen oder die Weiterleitung eines Anrufs waren keine Killer-Anwendungen. Für die schnelle Datenübertragung dank Kanalbündelung interessierten sich immerhin Verlage – der Mannheimer Hersteller Hermstedt verdiente sich in der Publishing-Branche mit Leonardo-ISDN-Karten dumm und dusselig. Davon abgesehen, verbreitete sich ISDN schleppend und bis zum Sommer 1996 wurde jeder ISDN-Anschluss mit 300 DM gefördert. Wer auch eine ISDN-Telefonanlage orderte, bekam gar 700 DM.

Den Höhepunkt der Verbreitung erreichte ISDN genau 10 Jahre später mit circa 13 Millionen Anschlüssen. Seitdem sinken die Anschlusszahlen. Im Jahr 2008 gab die Telekom bekannt, dass man am Next Generation Network arbeite, in dem wirklich alle neuen Medien gleichberechtigt transportiert werden können. Zehn Jahre später ist es so weit, ISDN tritt ab – freilich noch immer nicht zugunsten der Glasfaser. (dz@ct.de)

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