c't 5/2018
S. 3
Editorial
Michael Link

Eins und eins macht Zweitverwertung

Wer Persönliches ins Netz hochlädt, lebt gefährlich, egal ob das auf Datingseiten, Bewertungsportalen oder bei sozialen Sportnetzwerken wie Strava ist. Durch Letzteres weiß jeder, der mir wegen meiner c't-Artikel nonverbal seine Missbilligung vermitteln will, wo er mich finden kann und wann - außerdem, ob er mit einem rostigen Klapprad auskommt oder ein hochgezüchtetes Rennrad braucht. Mein Fehler.

Warum will ich auch Wildfremden mit meinen Rekorden imponieren, um nebenbei - schöne Grüße an die Krankenkasse! - meinen hohen Puls zu outen. Für Kudos tut man eben alles. Mein Fehler.

Ich hatte nie eine Zone eingerichtet, die mein Zuhause auf der Karte tarnt. Mein Fehler.

Wieso trage ich in dieses Feld ein, dass ich da ein kleinwagenteures Fahrrad habe. Mir nützt das nix, aber Leute, die den Eigentumsbegriff etwas leger fassen, finden das super. Mein Fehler.

Dann ist da noch mein Kumpel. Der verfährt sich ständig, weil er kein Smartphone zum Navigieren hat - aus Datenschutzgründen. Er ist weder bei Facebook noch bei WhatsApp und im Netz ist er so präsent wie Schneelawinen in der Sahara. Kein Fehler?

Je nach Informiertheit - manche nennen das ja auch Paranoia - bewegt man sich zwischen Exhibitionismus und Isolation. Wie mein Kumpel, der übrigens anonym bleiben will. Die meisten Leute tauschen ein Stück Privatsphäre gegen einen Nutzen, den sie sich davon versprechen.

Vielleicht hat mein Kumpel aber recht. Denn ich muss mich veräppelt fühlen, wenn Dienste meine freigegebenen Daten überraschend zweitverwerten. Bis neulich wusste ich nicht, dass Strava auch meine nichtöffentlich hochgeladenen Daten für seine öffentliche Heatmap verwurstet. Google Maps wiederum saugt aus meinen Bewegungsdaten das Fahrtempo für die Verkehrslage-Karte. Wie Mobilfunkunternehmen. Und wenn schon ein Anbieter selbst meine Datenschätze nicht plündert, tun das eben andere, etwa indem sie aus Geodaten meiner Instagram-Fotos ein Bewegungsprofil rekonstruieren.

Klar, man könnte sich ja mal mit seinen Privatsphäreeinstellungen befassen. Aber die sind oft so gut zugänglich wie EU-Verordnungstexte. Es steht zwar alles drin, aber man versteht sie nur als Volljurist mit viel Zeit. Euer Fehler.

Vielfach lässt sich die Mehrfachverwertung gnädig durch Opt-out verhindern. Besser wäre es, überraschende Klauseln wie im richtigen Leben nur durch ein explizites Zustimmen zu gestatten, also durch Opt-in. Euer Fehler.

Einem der wütenden Kritiker habe ich übrigens ein Schnippchen geschlagen. Er hat vor seinem angedrohten Besuch im Café gegenüber eingecheckt. Wenn der mich finden kann, kann ich das genauso. Dieses Gesicht, als ich ihm so den Spiegel vorgehalten habe. Sein Fehler.

Unterschrift Michael Link Michael Link

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