c't 7/2018
S. 3
Editorial
Merlin Schumacher

Das heitere Kundenraten

"Unser heutiger Gast heißt Merlin Schumacher, ist angestellt, 34 Jahre und kommt aus Hannover." Wir befinden uns mitten in einer Runde "Was bin ich?". Die Kandidaten heißen Google, Facebook, Twitter und Instagram. Zu erraten bin ich. "Welches Schweinderl hättens denn gern?", fragt Showmaster Robot Lembke. "Das erste, bitte", antworte ich. Lembke: "Bitte noch eine typische Handbewegung." Ich tippe mit meinem Zeigefinger in die Luft.

Facebook beginnt: "Sind Sie ein Nazi, der aus der Szene aussteigen möchte?" "Nein", antworte ich. Twitter: "Sind Sie auf der Suche nach neuen Handytarifen von fadenscheinigen Anbietern?" "Nein." Instagram: "Interessieren Sie sich für T-Shirts mit Ihrem Namen drauf?" "Nein." Als Letztes kommt Google, der Einäugige unter den Blinden: "Sie sind Angestellter. Brauchen Sie eine private Rentenversicherung?" "Ja."

So würde der Fernsehklassiker ablaufen, wenn Werbealgorithmen mitspielten. Für Facebook bin ich diese Woche ein Nazi, nächste ein Islamist. Aussteigen will ich immer. Seit Längerem bin ich eine junge Ärztin, die nach einer Niederlassung sucht. Freitags auch mal ein homosexueller Mann, der gerne auf queere Partys geht. Nichts davon ist richtig. Dabei weiß Facebook genau, dass ich ein angestellter, heterosexueller, politisch gemäßigter, atheistischer Medienwissenschaftler bin. Dennoch hat es mir genau diesen Müll angezeigt. Instagram und Twitter können es nicht besser. Einzig Google hat eine höhere Trefferquote. Es ist aber auch nicht schwer, mir Werbung für Waschmaschinen anzuzeigen, wenn ich gerade "Waschmaschine" suche.

Während mir diese Plattformen uninteressante Werbung anzeigen, verkaufen deren Marketingabteilungen ihren Kunden effiziente Werkzeuge für "targeted Advertising". Bei Facebook kann man die Kundengruppen genau ansprechen - von Nagelpflegefans bis zu Opera-Nutzern. Ich frage mich: Hat niemand Werbung für mich oder verklicken die sich? Kann der mächtige Algorithmus mich, Nagelpflege-desinteressiert und Firefox-Nutzer, gar nicht einstufen?

Dabei behaupten Twitter, Facebook und Instagram auch noch, dass sie mir dank algorithmisch sortierter Feeds nur relevante Inhalte anzeigten. Relevant heißt aber vor allem "immer das Gleiche". Auf Facebook immer die drei gleichen Freunde, auf Twitter eine Pampe aus zwei Tage alten Nachrichten vom Deutschlandfunk und Jan Böhmermann und auf Instagram eigentlich nur Spam. Ich glaube, ich nehme mein Schweinderl und geh' ins Kino. Da ist die Werbung unpersönlich und manchmal sogar unterhaltsam.

Unterschrift Merlin Schumacher Merlin Schumacher

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